Schauspieler und Studios buhlen wieder einmal um die höchste Auszeichnung Hollywoods, den Oscar. Das Ritual ist selbst amerikanischen Schulkindern vertraut. Der Star im Rampenlicht öffnet den weißen Briefumschlag, durchs Mikrophon wird das Knistern des versiegelten Kuverts in die Wohnstuben getragen. Fernsehkameras rücken die fünf Kandidaten ins Bild, das Publikum hält den Atem an; "Und der Sieger ist...". 22mal wird sich diese Szene wiederholen, wenn am 30. März im Dorothy Chandler Pavillon von Los Angeles die Oscars verlieheil werden.

Seit 1929 wird die höchste Auszeichnung im Filmgeschäft von der "Academy of motion pictures am and sciences" gestiftet. Nur zufällig erhielt der Preis den Namen Oscar. Margaret Herrick, Bibliothekarin und später Direktorin der Akademie soll 1931 beim Anblick der vergoldeten Statue Ausgerufen haben: "Der sieht ja aus wie mein Onkel Oscar!" 1953 wurde die Oscar-Verleihung zum erstenmal live im amerikanischen Fernsehen übertragen. Inzwischen verfolgen 50 bis 75 Millionen Zuschauer jedes Jahr die Präsentierung der Academy awards. Und seit Johnny Carson, Amerikas populärster Talkshow-Master, die Moderation übernommen hat, wird die Einschaltquote von keiner anderen Fernsehshow übertroffen.

Der Oscar ist zunächst nur eine Prestigeangelegenheit. Niemand bekommt Geld, aber es zahlt sich trotzdem aus: Marlon Brando hatte 75 000 Dollar für seine Rolle in "Endstation Sehnsucht" bekommen, er gewann den Oscar und erhielt für die nächste Rolle 1,2 Millionen Dollar. Paul Newman, Gene Hackman, William Holden, Julie Andrews, Dutzende von Schauspielern haben mit den Oscars ihre Gagen in die Höhe getrieben. Manchmal reicht auch schon die Nominierung: Joan Fontaine, in der Rolle der "Rebecca" 1940 für einen Oscar vorgeschlagen, stieg im Preis von 25 000 Dollar auf 100 000 Dollar.

Oder: "Der Stadtneurotiker" von Woody Allen war wirtschaftlich ein Reinfall, bevor er mit vier Oscars ausgezeichnet wurde. Danach spielte der Film zehn Millionen Dollar ein. Die amerikanischen Filmstudios behaupten, daß mit Oscars ausgezeichnete Filme zwischen fünf und zehn Millionen Dollar zusätzlich einspielen.

Die "Academy of motion pictures arts and sciences", eine Art Werbender Standesvertretung der Filmbranche, will mit den Oscars die besten filmischen Leistungen des. Vorjahres honorieren. Sie hat 4100 Mitglieder, die in vierzehn Berufsgruppen Unterteilt sind. Jede Gruppe nominiert die fünf besten Leistungen in ihrem Bereich: die Regisseure fünf Filme für die beste Regie, die Schauspieler die besten schauspielerischen Leistungen und so weiter. Alle 3600 stimmberechtigten Mitglieder der Academy wählen dann in geheimer Briefwahl aus den nominierten Filmen die Preisträger aus. Erst am Abend der Oscar-Verleihung werden die Ergebnisse bekanntgegeben.

Den Filmleuten ist der Oscar zu kostbar als daß sie die Entscheidung ganz dem Zufall überlassen könnten. Für Ordinary People, das Erstlingswerk von Regisseur Robert Redford, hat Paramount mit ganzseitigen Anzeigen in der Los Angeles Times geworben.

In Verbindung mit den kostenlosen Vorführungen laden Studios zu Partys, Empfängen und Abendessen ein. Vor zwei Jahren ließ Charlie Powell, Vizepräsident der Academy, durchblicken, daß die Studios 1,8 Millionen Dollar für die Oscar-Werbung ausgeben. Kann man die Oscars also kaufen? Die Academy und die Filmindustrie sagen natürlich nein. "Wie in jedem politischen Wahlkampf versucht man, auch die Oscar-Verleihung mit legalen Mitteln zu beeinflussen", meint ein Mitglied der Academy.

Viele Verlierer können bestätigen: Werbung hat nicht immer Erfolg. Honoriert aber werden auch nicht immer die besten Leistungen. Henry Fonda und Gary Grant haben nie einen Oscar gewonnen, weder der Filmklassiker Casablanca noch seine Hauptdarsteller Humphrey Bogart und Ingrid Bergman wurden ausgezeichnet. Und niemand wird es wundern, daß auch Ronald Reagan es nie geschafft hat. In einer viel größeren Rolle aber will er diesmal dabeisein. Als erster Präsident der Vereinigten Staaten hat er im Weißen Haus eine kurze Ansprache aufzeichnen lassen, die während der Show ins Programm eingespielt wird. Marianne Heuwagen