Nachdem blutigen Zwischenfall in Bromberg: Der Kampf zwischen Gewerkschaft und Staat wird dramatisch. Christian Schmidt-Häuer erlebte die Tage, die das Land erschütterten

/ Von Christian Schmidt-Häuer

Warschau, im März

Vom schwersten Stoß, der Polen seit dem vergangenen August erschütterte, erreichten Bundesaußenminister Genscher zunächst nur kleine Ausläufer. Auf Schloß Jablonna, wo Polens Außenminister Czyrek am Donnerstag vergangener Woche ein Abendessen gab, wurden einige der Tischgäste unauffällig ans Telephon geholt. Zu ihnen gehörte auch der stellvertretende Ministerpräsident Rakowski, Reformpolitiker und Unterhändler zwischen Regierung und Gewerkschaften, der zuvor bereits bitter geklagt hatte: "In den ersten dreißig Tagen der dreimonatigen Streikpause, die Ministerpräsident Jaruzelski gefordert hat, haben wir uns im Kleinkrieg verzehren müssen."

Zu dieser Stunde, da Rakowski ans Telephon gerufen wurde, hatten Reformgegner in diesem Kleinkrieg die Entscheidungsschlacht einzuleiten versucht. In Bromberg (Bydgoszcz), der alten Hafenstadt am Zusammenfluß von Brahe und Weichsel, bemühten sich die Ärzte um drei schwerverletzte Gewerkschafter. Kurz nach 19 Uhr hatten rund 200 Milizionäre und Sicherheitsleute das Wojewodschaftsamt geräumt, weil die Solidarność-Vertrerternach einer abgebrochenen Sitzung mit dem Bezirksparlament stundenlang weiterpalavert hatten. Die Polizeiaktion selbst war nicht illegal. Aber unmittelbar nach der Räumung, schon außerhalb des Gebäudes, doch noch innerhalb der Absperrung, traktierten Unbekannte mehrere Gewerkschafter mit Schlagringen. Die ärztlichen Diagnosen: Kopfverletzungen, eine Gehirnerschütterung, ein Kieferbruch.

Während Rakowski auf Schloß Jablonna und Lech Walesa in Danzig noch informiert wurden, bemühten sich Unbekannte im aufgescheuchten Bromberg bereits um eine weitere Eskalation. Sie streuten das Gerücht aus, der Gewerkschaftsführer Jan Rulewski sei seinen Verletzungen erlegen, sofortige Rache tue not.

In Bromberg, davon zeigte sich nach kurzer Zeit fast jeder Pole überzeugt, war eine Provokation nach Plan angelaufen. Unklar blieb zunächst nur, wo und wie hoch die Drahtzieher saßen. Alle äußeren Bedingungen deuteten auf einen Handstreich erklärter Reformgegner hin. Unmittelbar vor Bromberg und vor dem Beginn der Manöver des Warschauer Paktes auf polnischem Boden hatte Stefan Olszowski, der Exponent des harten Parteiflügels, Ministerpräsident Jaruzelskis Strategie der "sozialen Kampfpause" unverblümt in Frage gestellt. Die Partei sei kein "Klub für Ideale". In ihren Reihen verkündeten "parteifremde oder parteifeindliche Leute" revisionistische Parolen wie 1956 und 1968.