Von Carl Dahlhaus

Die Unterscheidung zwischen zwei Gruppen von Musikliteratur: einer ersten, die von Laien für andere Laien, und einer zweiten, die von Musikern für andere Musiker geschrieben wird, wäre zweifellos zu grob. (Zwischen der Anmaßung der Inkompetenz und der Arroganz des Esoterikers gibt es Zwischenstufen.) Doch ist es auffällig, wie verbreitet der Hang, sich über Musik und Musiker zu äußern, bei Schreibenden ist, die über den Gegenstand im Ernst nichts zu sagen wissen und sich darum gedrängt fühlen, von der Privatperson des Komponisten statt von der Sache zu reden, um die es dem Komponisten ging und dem Interpreten gehen sollte.

Andererseits ist es kein Zufall, daß manche Komponisten, wie Bach oder Schönberg, dazu zwingen, die Schilderung des Autors hinter der Darstellung des Werkes zurücktreten zu lassen, während andere, wie Beethoven oder Wagner, zum Gebrauch oder Mißbrauch der biographischen Methode: einer Methode, die das Werk als biographisches Dokument behandelt, statt umgekehrt das Leben als Vehikel der Werkentstehung zu begreifen, geradezu herausfordern.

Daß Musik, wie Eduard Hanslick es ausdrückte, "tönend bewegte Form" und nichts sonst sei, ist eine Puristenthese, gegen die sich eine Laienästhetik, die bei Beethoven nach "Ideen" sucht, nicht ohne Grund sträubt. Dem tönenden Phänomen ein "Subjekt" zu unterstellen, das aus der Musik und durch sie redet und sich ausdrückt, ist zwar "Metaphysik", aber eine, die angesichts von Werken wie der "Eroica" oder der "Appassionata" durchaus legitim erscheint.

Allerdings ist die Vorstellung eines Subjekts der Beethovenschen Musik, obwohl sie sich unwillkürlich aufdrängt, eine heikle, durch schlimme Mißverständnisse gefährdete Kategorie. Um nur das fatalste beim Namen zu nennen: Das Subjekt, das ästhetisch zur Sache selbst, zum Werk als ästhetischem Gegenstand gehört – das ästhetische Subjekt also – darf keineswegs mit der empirischen Person des Autors, wie sie aus biographischen Dokumenten rekonstruierbar ist, gleichgesetzt werden. (Die Unterscheidung ist in der Literaturkritik längst ein Gemeinplatz und sollte es in der Musikkritik, die für den "biographischen Fehlschluß" immer noch seltsam anfällig ist, gleichfalls sein).

Bücher, die über Beethovens Musik sprechen – oder zumindest den Anspruch erheben, es zwar nicht unmittelbar, aber indirekt zu tun –, lassen sich in erster Instanz und im Groben nach dem Kriterium einteilen, welche Antwort sie auf die Frage nach dem ästhetischen Subjekt der Musik zu geben versuchen: eine biographische, eine philosophische, eine mythologische oder überhaupt keine, (Die Extreme: eine analytische Literatur, die Beethovens Musik als "subjektlos" tönende Struktur behandelt, und eine Biographik, die umstandslos und unreflektiert die empirische Privatperson mit dem ästhetischen Subjekt der Musik identifiziert, als müsse man sich zur Szene am Bach aus der "Pastorale" den Spaziergänger Beethoven im Wienerwald vorstellen, sind zwar nicht ausgestorben, gehören aber, als Geheimwissenschaft einerseits und Trivialliteratur andererseits, nicht zu den Buchgattungen, die einen Gegenstand öffentlicher Diskussion bilden).

Rudolf Bahro (dessen Beethoven-Buch 1967–69 entstanden ist, aber erst ein Jahrzehnt später gedruckt wurde) –