Von Ernst Klee

In dem Jahr, in dem ich geboren wurde, 1942, hörten Juden in Berlin die BBC Sie hörten von "Vergasungen" und konnten es nicht glauben. Im gleichen Jahr floh ein junger Jude aus dem Konzentrationslager Sobibór. Er wollte die Wahrheit über Tötungsfabriken und Judenvernichtung erzählen, reiste von Getto zu Getto, aber niemand, wollte ihm glauben. Der Menschenverstand sträubt sich, an organisierte Vernichtung zu denken. Der junge Jude wurde ergriff en und in Treblinka ermordet.

Als nach dem Krieg die volle Wahrheit bekannt wurde, klar war, daß Millionen Menschen – und nicht nur Juden – erschossen, vergast, verhungert, totgeschlagen, zu Tode gefoltert waren, setzte wieder dieses Nicht-wahrhabenwollen ein. Nun hieß die Frage des verdrängenden Bewußtseins: Wie war es möglich, daß da Millionen wie die Schafe zur Schlachtbank getrieben werden konnten? Hermann Langbein, selbst Häftling in Dachau, Auschwitz und Neuengamme, im KZ-Widerstand aktiv, hat in sieben Jahren Arbeit daserste zusammenfassende Buch vorgelegt, das den Widerstand in "den KZ’s dokumentiert:

Hermann Langbein: "...nicht wie die Schafe zur Schlachtbank – Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern"; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1980; 496 S., 14,80 DM.

Langbein weist unpathetisch darauf hin, daß das KZ kein geeigneter Ort zu heldenhaftem Aufstand war, galt es doch schon als Widerstand, wenn ein Häftling abwehrend die Hand hob, um sich vor dem Schlag eines SS-Mannes zu schützen. Ohnmächtig waren sie der Drohung ausgeliefert,-aus dem KZ führe nur ein Weg hinaus, nämlich "der durch den Kamin". Er gibt zu bedenken, "daß Menschen eher über sich selbst hinauswachsen, wenn sie im Bewußtsein handeln, daß die Öffentlichkeit von ihrem Verhalten erfährt. In der hermetisch abgeschlossenen Welt der KZ’s durfte niemand damit rechnen, daß die Nachwelt Kenntnis von seinen Bemühungen bekommen werde".

Eine Darstellung des Widerstands stößt auf verschiedene Schwierigkeiten. Vieles muß unbekannt bleiben, weil die Widerstand-Leistenden wie die Zeugen umgebracht wurden. Zahlreiche Häftlinge haben auch nie etwas vom Widerstand in ihrem KZ erfahren, weil sich die Widerstandsorganisationen an konspirative Regeln hielten, damit unter der Folter nicht zu viel verraten werden konnte.

– Auch Berichte, die nachträglich verfaßt wurden, sind nicht immer zuverlässige Zeugen. So bescheinigt Langbein DDR-Publikationen, daß die Rolle der Kommunistischen Partei manchmal legendär aufpoliert wurde oder der Antisemitismus polnischer Häftlingsfunktionäre überdeckt werden sollte. Andererseits ist auch nicht auszuschließen, daß aus wiederum ideologischen Gründen die Rolle der Kommunisten heruntergespielt werden sollte. Denn eines ist sicher: Die ersten illegalen Gruppen bestanden fast ausschließlich aus Kommunisten. Ihre Parteidisziplin und ihre hierarchische Gliederung waren günstige Voraussetzungen für eine illegale Tätigkeit.