Auf der Suche nach Möglichkeiten, ausländische Schüler besser in das hiesige Schulsystem zu integrieren, hat Baden-Württembergs Kultusminister, Gerhard Mayer-Vorfelder, Inspiration in Amerika gefunden. Vom nächsten Schuljahr an will er nämlich das „Busing“ probeweise einführen. Nach amerikanischem Vorbild sollen Griechen, Türken und Jugoslawen mit Schulbussen aus ihren meist in den Innenstadtbezirken angesiedelten Wohnvierteln abgeholt und zu Schulen in überwiegend von Deutschen bewohnten „besseren“ Stadtteilen gefahren werden. Nach vier, fünf Stunden in einer Schule am grünen Stadtrand kommt dann wieder der Bus und bringt die kleinen Ausländerkinder in ihre Wohngegenden zurück. Was zunächst nur eine Idee des Kultusministers war, soll nach den Sommerferien in Stuttgart als Modellversuch erprobt werden.

Doch die Probleme, die mit diesem Versuch entstehen werden, sind jetzt schon vorauszusehen. Aus Amerika wissen wir, daß mit dem „Busing“ schwarze Kinder zwar „gerecht“ auf weiße Schulen verteilt werden können, doch selbst umfassende Programme haben keine wirkliche Integration an den amerikanischen Schulen mit sich gebracht. Nicht nur viele weiße Eltern fühlten sich zum Widerstand aufgerufen, auch etliche Schwarze sahen nur ungern, wenn ihre Kinder Tag für Tag viele Meilen hin- und hertransportiert wurden.

Dabei ist die Situation in Amerika nicht einmal so komplex wie die hiesige: Immerhin handelt es sich dort um Kinder mit der gleichen Sprache und – trotz aller Unterschiede zwischen Weißen und Schwarzen – mit einem ähnlichen sozialen und kulturellen Hintergrund. Türkische oder griechische Schüler aber brauchen hierzulande häufig einen ganz anderen Unterricht als deutsche, müssen sie doch erst einmal deutsche Sprachkenntnisse erwerben. Gewissenhaft wachen zudem viele Nationalitäten darauf, daß ihre Sprößlinge nicht „germanisiert“ werden. So ist noch lange nicht ausgemacht, daß eine Angleichung des Ausländeranteils an den verschiedenen Schulen einer Stadt wirklich die Probleme lösen kann oder ob nicht ganz neue Probleme entstehen. Zumal, da Mayer-Vorfelder den Vorschlag der SPD-Opposition im Stuttgarter Landtag, Ausländerkinder doppelt zu zählen und den Schulen entsprechend mehr Geld und Lehrer zu bewilligen, nicht übernehmen möchte.

Der geplante Modellversuch könnte überdies schon am bestehenden Schulrecht scheitern. Danach ist nämlich der Bustransport von einem Schulbezirk in einen anderen nur auf freiwilliger Basis möglich. Die Eltern der ausländischen Schüler müssen also dem „Busing“ zustimmen.

Schulpflicht besteht nur dort, wo die Kinder wohnen. Eine sinnvolle Regelung, wie auch ein Stuttgarter Schulleiter findet, der langjährige Erfahrungen mit Ausländerkindern gesammelt hat. Vor allem das Wohngebiet sei für die Ausländerkinder der wichtigste erkennbare Lebensraum. Trotz aller Nachteile – schlechte Wohnverhältnisse, Gettoisierung – biete die Überschaubarkeit der bekannten Wohnviertel den Kindern eine gewisse Sicherheit. Werden sie aber aus diesem Rahmen herausgerissen, dann dürfte dies den ohnehin unzulänglichen Integrationsbemühungen zuwiderlaufen. Modellversuche – so dieser Schulleiter – müßten daher in den betroffenen Stadtbezirken selbst ansetzen.

Auch der zu erwartende Widerstand deutscher Eltern wirft in Stuttgart bereits einen düsteren Schatten voraus. Obwohl der Modellversuch die Stadt, an deren Grundschulen gegenwärtig jedes vierte Kind ausländischer Herkunft ist, kaum etwas kosten wird – Beförderungskosten für Grund-, Haupt- und Sonderschulen trägt die Landesregierung –, lehnt Oberbürgermeister Manfred Rommel den Plan rundweg ab. Rommel wiederholt dabei die pädagogischen Argumente: „Die Hin- und Herfahrerei mit dem Bus“ diene nicht der Integration, sagt er. Da sei der unbefriedigende Ist-Zustand immer noch besser.

Doch Rommel hat auch ganz einfach Angst vor drohenden sozialen Spannungen. Mit dem Bus, so meinte er kürzlich, könnten Konflikte in „intakte“ Stadtteile „hineingetragen“ werden. Und Konflikte habe man in der Landeshauptstadt schon genug. Stuttgart registriere mehr Wohnsitzlose als jedeandere deutsche Stadt. Zur Zeit stehe man außerdem noch vor schier unlösbaren Problemen, die 6000 Asylanten mit sich gebracht haben. „Es muß nicht immer alles in Stuttgart sein“, seufzte daher Rommel, als er von den Plänen des Kultusministers erfuhr.