Keine neuen, aber nachdenkliche Töne haben die Rechtsdebatte des Bundestags in der letzten Woche bestimmt. Viel Neues konnte auch nicht gesagt werden, nach. 14 Tagen heftiger außerparlamentarischer Diskussion über die Nürnberger Massenverhaftung. Doch ein Vorzug war es schon, daß die Plenardebatte nicht erst, wie sonst üblich, mit langer Verspätung stattfand. Und vor allem: daß es trotz mancher Polemik und Wahlkampffanfaren zu einem Dialog kam, selbst zwischen den Berliner Kontrahenten Hans-Jochen Vogel und Richard von Weizsäcker, und nicht zuletzt zwischen Kanzler Schmidt und Oppositionsführer Kohl.

Selten zuvor ist im Bundestag so ausführlich von der Aussteiger- und Verweigererhaltung vieler junger Leute die Rede gewesen, von der Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, von dem Verhältnis zwischen individueller Freiheit und sozialen Pflichten oder zwischen Toleranz und staatlicher Autorität. Ohne jede Einfühlsamkeit zeigte sich nur der bayerische Justizminister Hillermeier. Selten auch ist die nachwachsende Generation so direkt angesprochen worden: "Die jungen Mitbürger, die uns heute zuhören", so sagte zum Beispiel Helmut Schmidt ein um das andere Mal.

Ohnehin ist der Kanzler im Begriff, sich das Thema neu und intensiver zu erschließen. Bereits Ende letzten Monats hatte er sich, abseits aller Öffentlichkeit, zu einem langen Gespräch mit Leuten getroffen, die sich auf der "Jugendszene" auskennen. Dazu zählten etwa ein sozialdemokratischer Kontaktmann zu den Kreuzberger Hausbesetzern, ein Jugendoffizier der Bundeswehr, eine Realschullehrerin, die gegen den Drogenkonsum anzugehen versucht, oder einer der Autoren der Studie über die Züricher Jugendkrawalle.

Der Kanzler hieße nicht Schmidt, würde er nicht umzusetzen trachten, was er da gehört hat. Das Kabinett hat sozusagen Hausaufgaben bekommen: die Minister sollen, jeweils für ihren Beritt, herausfinden, was getan werden kann, um die Generationsspannungen abzubauen – der Bauminister zum Beispiel, welche Erfahrungen Städte und Gemeinden mit Jugendzentren gemacht haben oder wie es mit der studentischen Wohnungsnot steht. Der Kanzler selber will sich mit Vertretern der Kirchen zusammensetzen. Und schon im April soll eine Kabinettssitzung einer ersten Zwischenbilanz dienen.

Darüber hinaus laufen bereits Vorbereitungen, jenen direkten Dialog zwischen dem Kanzler und jungen Leuten abermals aufzunehmen, der bereits 1975 begonnen worden, dann aber wieder in den Hintergrund gerückt war. Vorgeschlagen sind Diskussionen mit Gesamtschülern, Vertrauensleuten der Bundeswehr, Zivildienstleistenden, Entwicklungshelfern.

Natürlich, ganz neu entdeckt worden ist das Thema im Bonner Elfenbeinturm nicht. Was wiederum den Kanzler angeht, so taucht es in vielen seiner jüngsten Reden auf: in seiner Regierungserklärung ebenso wie in der Neujahrsansprache oder in seinem Beitrag zur Haushaltsdebatte. Aber das Zwiegespräch soll intensiviert werden – in der Hoffnung, daß daraus Verständigung wird.

Manchmal muß es auf der Bonner Hardthöhe, dem Sitz des Verteidigungsministeriums, ähnlich zugehen wie in Franz Kafkas Romanparabel vom "Schloß": durch das Gespinst der Militärbürokratie dringt nichts und niemand durch. An jene Parabel zu denken, liegt nahe, seit der als Untersuchungsgremium installierte Verteidigungsausschuß des Bundestags den Ursachen und Umständen der klaffenden Finanzierungslücke beim "Tornado" nachgeht.