Hörspielpreis 1980 der Kriegsblinden

Was ist das für eine literarische Gattung: Bei Aufführungen haben Werke aus diesem Bereich mindestens 10 000, manchmal bis zu 100 000 Hörer; unter ihren Autoren sind Schriftsteller höchsten Ranges; die Werke sind flüchtig, oft kaum aufgezeichnet, und wenn aufgezeichnet, dann schwer zugänglich – und dennoch schwören Kenner einerseits darauf, daß die Werke bedeutenden literarischen Rang haben können, zugleich aber schauen auch die Gebildeten unter ihren Verächtern die Gattung über die Schulter an, nehmen sie kaum ganz ernst?

Richtig, das Hörspiel, mit Hunderten von Sendungen jährlich in allen deutschen Funkanstalten eingeplant, im öffentlichen Bewußtsein so bekannt wie mißachtet oder doch wenig beachtet, so wenig, daß sogar gewöhnlich gutunterrichtete Literaturgeschichten oder literarische Nachschlagewerke sie. oft unter den Werken des betreffenden Autors aufzuführen vergessen. Das heißt: Das Hörspiel hat eine Öffentlichkeit, von der viele Autoren für ihre Werke, viele Spielleiter für ihre Theaterabende nur träumen können – und dennoch sind sie die Stiefkinder der literarischen Aufmerksamkeit. Nur einmal jährlich – und was hier geschrieben steht, ist einer der Beweise für diese Behauptung – horchen die Feuilletons kurz auf und melden, wer den renommierten "Hörspielpreis der Kriegsblinden" bekommen hat, was dessen 19 Juroren für das beste, die Entwicklung der Gattung vorantreibende Stück dieses Genres im vergangenen Sendejahr halten. Voilà: Mit 15 gegen 4 Stimmen fiel die Wahl der beim Deutschlandfunk in Köln tagenden Jury aus neun professionellen Kritikern, neun Delegierten des Kriegsblindenbundes und dem unbeugsam idealistischen Jury-Vorsitzenden Friedrich Wilhelm Hymmen auf Walter Kempowskis Hörspiel "Moin Vaddr läbt – a Ballahd inne Munnohrd kinstlich med Mosseg unde Jesann von Wullar Kinnpussku" (...eine Ballade in der Mundart, künstlich mit Musik und Gesang, von Walter Kempowski, produziert unter der Regie von Horst H. Vollmer, gesendet vom Hessischen Rundfunk).

Man stelle seine Verblüffung für einen Moment zurück. 23 Hörspiele hörte sich die Jury an, und viele von deren Mitgliedern nicht zum erstenmal; man wußte also in vielen Fällen schon, worüber man zu entscheiden hatte, und überdies herrschte Klarheit darüber – vor und auch nach der Jury-Sitzung –, daß das Hörspiel sich in-einer Phase befindet, in der es nicht wie zu Zeiten des "Neuen Hörspiels" zwischen 1967 und ungefähr 1976 jährlich verblüffende Neuentwicklungen des Genres gibt; die Diffusität und künstlerische Stagnation der gegenwärtigen Literatur ist auch am Hörspiel nicht vorbeigegangen. Man braucht nicht wie besessen auf "Innovation" und "Avantgarde" und "Experiment" zu schwören, um sagen zu dürfen, daß die Hörspielszene von Gebrauchsstücken, die in vielfältige Richtungen ausschwärmen, beherrscht ist, kaum aber von überraschenden Fortentwicklungen seiner Möglichkeiten. Pendants zu jenen Hörspielen, die vor einigen Jahren durch Reflexion und Eroberung der sprachspielerischen, sprachexperimentellen und sprachkritischen Errungenschaften der modernen Poesie seit der Literaturrevolution um 1918 die Gattung Hörspiel aufwerteten, Hörspiele also wie Jandl/Mayröckers "Fünf Mann Menschen", Wondratscheks "Paul oder die Zerstörung eines Hörbeispiels" oder Paul Wührs "Preislied" – von Ludwig Harigs "Staatsbegräbnis" oder Gerhard Rühms "Ophelia und die Wörter" zu, schweigen – gibt es wohl zur Zeit nichtzu hören, können auch nicht erwartet wenden.

Allerlei Sozialkritisches gab es zu begutachten, versierte und eindringliche Falldarstellungen, auch Authentisches aus der Szene von Jugendfreizeitheimen, witzige und aufschlußreiche Hörstücke, auch Hörspiele, deren Autoren lieferten, was man von ihnen erwartete: Günter Herburger in "Thuja" die personen- und motivreich vollgepackte Seitenentwicklung zur großen Romantrilogie, an der er arbeitet; Ingomar von Kieseritzky in "Channel X oder das Dekonzentrationsmodell"’ eine – hinter der Wirklichkeit schonzurückbleibende – Satire auf jene mit Phrasen vollgepumpten Diskussionen über die Freiheit der Medien in einem der bekanntlich so völlig freien Medien, und Gabriele Wohmann rechnete in "Hilfe kommt mir von den Bergen" mit den bekanntlich klebrig-feigen bundesdeutschen Mittelstandsehepaaren ab – auch nicht gerade eine Überraschung für den, der ihre Bücher kennt.

Am Ende blieben vier Hörspiele in der engeren Wahl. Fritz Rudolf Fries‘ "Der fliegende Mann" ist ein skurriles Porträt (sozusagen die ins Phantastische und Fröhliche gewendete, von Julio Cortázar inspirierte Variante einer Schulfunksendung) des Fliegers Otto Lilienthal, der deutsch-idealistisch und zugleich jämmerlich blind über die Verhältnisse hinausfliegen will. Dieter Forte nimmt eines der standardisierten Gesprächsführungs-Trainingsmodelle für Manager zum Ausgangspunkt für eine böse Satire auf die Techniken der Sabotage wirklichen Gesprächs durch pure Taktik verbaler Niederringung des Gesprächspartners; das endet mit einem herrlich bösen Remis und ist der Wirklichkeit verdammt nahe.

Doch schließlich blieb ein sonderbares Konkurrentenpaar übrig. Rosa von Praunheim läßt in seinem aus Originalton-Material montierten Hörspiel "Frauen zwischen Hitler und Goethe" eine Runde älterer Damen sich aus- und darstellen, läßt sie in Eroticis und in Politicis bekennen und anklagen, die Karten auf den Tisch legen und schwärmen. Das ist schon eine Leistung, wie er da den Exhibitionismus seiner Originalton-Lieferantinnen kitzelt und dem akustischen Voyeurismus des Hörers vergnügliche und schneidend-aufschlußreiche, sehr deutsche Nahrung gibt. So vielfältig verräterisch allerdings sein Hörspiel ist – es lebt ganz massiv von den sozusagen bequatschten Inhalten.