In München gehen Gespenster um: Wohnungsspekulanten. Die Isarmetropole ist seit geraumer Zeit ein Dorado für Profis der spekulativen Umwandlung von preisgünstigen Mietin teure Eigentumswohnungen. Die "Stadt mit Herz" gilt als eine der ersten Adressen für gewiefte Kapitalanleger. Der bislang spektakulärste Fall gewinnträchtiger Wohnungsverwandlung ist die Kolb-Affäre. Sie spielt sich ab im Münchner Stadtteil Giesing. Dort wird seit etwa einem Jahr ein ganzes Wohnviertel aus den Angeln gehoben, werden gewachsene Sozialstrukturen zerstört und durch unerschwingliche Mieten die Bewohner aus ihrer angestammten Heimat vertrieben – mit Hilfe der Steuergesetze. Betroffen sind 2500 Bürger in 714 bisher preisgünstigen Wohnungen der Jahrhundertwende, zumeist alte Leute und sozial schwache Familien.

Schier über Nacht wurden die Mieter vom Spekulationscoup eines öffentlich-rechtlichen Kreditinstitutes, der Württemberger Kommunalen Landesbank, überrascht. Sie brachte die Giesinger Wohnblöcke der Kolb-AG zum "bestmöglichen Preis" zum Verkauf.

Zwar war man sich bei früheren Verhandlungen mit potenten Privatinteressenten schon einig über den Preis gewesen, der mit 32 Millionen Mark beziehungsweise mit einem Quadratmeterpreis von 850 Mark beziffert wurde. Ein Preis, der in Fachkreisen auch für realistisch galt. Doch die Vorstandsherren der Landesbank besannen sich eines anderen. Plötzlich war nicht mehr von 32, sondern von 50 bis 60 Millionen Mark die Rede, die das Grundvermögen der Kolb-AG kosten sollte.

Der Anlaß der Erhöhung ist unschwer auszumachen: Auch im nicht gar so weit entfernten Stuttgart weiß man von der Grundstückspreisexplosion und dem Run auf jeden Quadratmeter Wohneigentum in der bayerischen Kapitale. Für die Württemberger hieß es, aus dem überhitzten Münchner Wohnungsmarkt den "bestmöglichen Preis" herauszuholen. Und das war statt realistischer 800 Mark – wie der baden-württembergische Innenminister Roman Herzog bei einer späteren Aussage vor dem Landtag einräumte – schließlich ein satter Quadratmeterpreis von durchschnittlich 1380 Mark.

Während seriöse Privatinteressenten, vorwiegend Versicherungen, unverzüglich absprangen, nahmen verschiedene Verkaufsfirmen den neuen Preis zum Vorwand, die Wohnungen im Einzelverkauf oder als Bauherrenmodelle teuer zu verhökern. Für die "Profis unter den Kapitalanlegern" – so der Annoncentext – würden sie sogleich, auch unter Hinweis auf eine ganze Palette steuerlicher Vorteile, zum Preis von 3600 bis 3950 Mark feilgeboten.

Rechnet man einen Schnittpreis von nur 3000 Mark pro Quadratmeter auf den Gesamtkomplex hoch, dann wird deutlich, daß nun an Stelle eines früheren Realwertes (Ende der siebziger Jahre) von 32 Millionen Mark heute der exorbitante Verkaufserlös von rund 120 Millionen Mark aus der Kolb-Siedlung herausgepreßt wird. Und daran verdienen viele: Banken, Baubetreuungsgesellschaften, Makler, Notare, Rechtsanwälte und andere.

Für die Mieter, vor allem die sozial schwache Mehrheit unter ihnen, liegen die ungeschminkten Folgen des Spekulationsgeschäftes bereits auf dem Tisch. Die Mieten stiegen inzwischen von bislang 3,60 Mark auf 5,50 Mark. Nach der Modernisierung, Ende 1981, sollen sie kalt 8,50 Mark ausmachen, vier Jahre später dann 13 und schließlich gar 15 Mark – zuzüglich Nebenkosten.