Münster

Ein zehnjähriger Junge wird von einer Gesamtschule nur deshalb nicht aufgenommen, weil er das falsche Gebetbuch hat – er ist kein Christ, sondern Moslem. Da sich die Schule sperrt, muß man befürchten, daß der Junge das Abitur nur schwer erreicht.

Ort des Geschehens: Münster in Westfalen. Hier ist Taner Yalcin als Sohn eines türkischen Chemiearbeiters geboren und aufgewachsen. Taner ist ein Ausländerkind der "zweiten Generation", er ist zumindest sprachlich integriert, spricht akzentfrei deutsch. Seine Leistungen in vier Jahren Grundschule waren überzeugend: "Taner beteiligt sich stets lebhaft und aufgeschlossen am Unterricht", schrieb seine Klassenlehrerin Edith Plachky ins Zeugnis und benotete ihn durchweg mit "gut" – Leistungen, die nicht jeder deutsche Schüler erbringt.

Der kleine Türke könne durchaus, ein Gymnasium besuchen, meinen Klassenlehrerin und Grundschulkollegium, doch sie machen eine Einschränkung: Weil Kinder wie Taner zweisprachig aufwachsen und zu Hause in der Familie natürlich türkisch sprechen, können sie dort keine zusätzliche Hilfe bei den Hausaufgaben erwarten. Solche Stützen aber brauchen besonders ausländische Kinder.

In Münster gibt es unter den 16 Gymnasien nur eines, das diese Hilfen bieten könnte: die "Friedensschule", eine Gesamtschule, die als Ganztagsschule nicht nur ein differenziertes Lernsystem anbietet, sondern auch in sogenannten "Silentien" (Ruhestunden) Schüler bei ihren Hausaufgaben betreut und ihnen Nachhilfe gibt.

Taners Eltern folgten dem Rat der Grundschullehrerin und meldeten ihren Sohn an dieser Schule an; doch die Friedensschule schrieb zurück, sie könne den Jungen nicht aufnehmen, weil sie "den religiösen Erziehungsauftrag bei Kindern muslimischen Glaubens nicht erfüllen" könne. Fünf weitere türkische Kinder wurden ebenfalls mit diesem Argument zurückgewiesen.

Ihren "religiösen Erziehungsauftrag" leitet die Friedensschule davon ab, daß ihr Schulträger nicht der Staat, sondern der Bischof von Münster und damit die katholische Kirche ist. Im Artikel Eins der schulischen Grundordnung des Bistums heißt es: "Bischöfliche Schulen bemühen sich... um soziale Offenheit und besondere Berücksichtigung der schwächeren und benachteiligten Glieder der Gesellschaft." Doch bei Nichtchristen hört diese Offenheit auf.