In Scuols Hotels sieht man die Zimmernachbarn vom letzten Jahr wieder, auf angestammten Plätzen, als hätten sie zwölf Monate überdauert

Man sagt, Verliebte sehen nur Verliebte, Schwangere sehen nur Schwangere und so fort. Man sieht; halt das, was man sehen will. Ich als "neuer Stammgast" sehe um mich herum nur noch Stammgäste.

Bad Scuol im Engadin ist ein Paradeort für Stammgäste – und hier haben wir auch das Hotel gefunden, welches unseren Ansprüchen an jahrelange Wiederkehr gerecht wird. Es liegt hoch über dem alten Dorf und der einsam an einem mächtigen Wall ruhenden Kirche. Von der Hotelterrasse überblicken wir alles: die Hauptstraße, das Dorf, die Kirche, den Fluß und die malerisch darübergespannte Brücke.

Unser "Guarda Val" ist eine geglückte Mischung aus Engadiner Bäuerlichkeit und moderner Großzügigkeit. Statt der Hotelhalle gibt es behagliche, ineinandergehende Räume, ausstaffiert mit zum Teil antikem Mobiliar, winkelig mit gemütlichen Ecken. Bunte Strohblumensträuße schmücken Tische und Truhen. Nach dem Essen läßt es sich hier noch gut ein paar Stündchen sitzen, beim Veltliner, Johannisberger oder Dôle.

Hier ist auch der Ort, wo man die bekannten Gesichter vom letzten Jahr wiedersieht, auf angestammten Plätzen, als hätten sie ein Jahr überdauert. Das ergraute Damenkleeblatt vom Vorjahr ist auch wieder da. Die drei Damen kom-Zürich, sind unverkennbar wohlsituiert und allem Anschein nach Witwen, schlank, elegant und selbstsicher. Falten und weiße einem tragen sie mit Würde. Sie erzählen von einem Herrn, der sie als die "Damen mit den ewig jungen Gesichtern" bezeichnet habe. Sie lachen zwar, bestellen aber doch zur Feier des Tages statt des üblichen Kaffees einen Johannisberger. Wie im Jahr davor treffen sie sich zum abendlichen Plausch mit dem deutschen Rentnerehepaar, dessen hervorragendes Merkmal ein lauter Hund ist. Aber er hat sich gebessert. Sie haben ihm das Kläffen abgewöhnt, jetzt knurrt er nur noch.

Das Leben im Hotel macht neugierig aufeinander. Vierzehn Tage wohnen wir unter einem Dach und treffen uns regelmäßig im Speisesaal. Die Farblosen fallen wie im Sieb durch, übrig bleiben die Markanten. Und von denen hätte man zu gern gewußt, welcher Profession sie nachgehen.

Da ist die fünfköpfige Familie am runden Tisch. Der Vater steuert auf die sechzig – schmales, gescheites Gesicht, Glatze mit grauem Haarkranz. Sein ruhiges Gesicht signalisiert mir Vertrauen, Sympathie, als kennte ich ihn von früher. Er könnte Professor sein, vielleicht für Kinderheilkunde. Neben; der um einige Jahre jüngeren Ehefrau sitzen zwei hochaufgeschossene Jünglinge und ein kleines Mädchen. Bleich und ernst, scheint es um die Bedeutung des Nachzüglers zu wissen. Die Mutter ist immer die erste am Frühstückstisch und stellt jedem das hin, was er gerne ißt: Müsli, Orangensaft, Honig, Käse. Denn leider, man muß es sagen, hat sich auch hier das nun schon obligate Frühstücksbuffet eingebürgert. Man ist ständig unterwegs, weil man immer etwas vergessen hat. Viel lieber würde ich mich, bei geringerer Auswahl, bedienen lassen – wenigstens in den Ferien.