Den jüngsten Beitragserhöhungen in der Krankenversicherung drohen weitere zu folgen. Denn keiner der Verantwortlichen hat den Mut, die Ursachen dieser Entwicklung jetzt zu bekämpfen.

Wenn wirtschaftliche Krisen drohen, zeigt sich immer wieder, wie überaus schnell wir unser Verhalten korrigieren können, wenn wir uns davon eine Senkung der Kosten und mehr Sicherheit Versprechen. Auch diesmal ist es so: Seit Mitte des vergangenen Jahres heizen wir sparsamer und fahren wir langsamer, kleiden wir uns bescheidener, und achten wir ringsum mehr auf die Kosten, Wir lassen, im großen und ganzen, das walten, was man wirtschaftliche Vernunft nennt. Doch es gibt Ausnahmen.

Eine dieser Ausnahmen ist unsere Einstellung zur Gesundheit oder, genauer, zu dem, was wir für den Dienst an unserer Gesundheit halten: Wir haben uns im vergangenen Jahr noch ein wenig mehr Krankheiten gegönnt und uns dafür noch erheblich mehr abknöpfen lassen als im Jahr zuvor. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen stiegen um 8,6 Prozent, während die Einnahmen, entsprechend dem Wachstum der Gehälter, nur um fünfeinhalb Prozent zunahmen. Saftige Beitragserhöhungen waren die Folge. Haben wir uns demnach inkonsequent verhalten, weil wir zwar am Öl gespart, bei den Arztbesuchen oder bei den Ausgaben für Zahnersatz aber ein weiteres Mal sehr großzügig waren?

Nein, wir waren nicht inkonsequent, sondern wirtschaftlich bestens aufgeklärt. Wir wußten: Wenn wir die Heizung herunterdrehen, dann können wir die nächste Öllieferung noch etwas hinauszögern und damit unmittelbar Geld sparen. Doch wir wußten auch: Würden wir seltener zum Arzt gehen, weniger krankfeiern und auf die Schönheitsreparatur der Zähne vorerst verzichten, dann brächte uns das gar nichts, weil die Freunde und Nachbarn weit weniger zurückhaltend sind, so daß die Versicherungsbeiträge ohnedies nicht sinken können. So "vernünftig" wie wir, die Versicherten, haben sich auch die Ärzte, die Zahntechniker und die Optiker, die Krankenhäuser einschließlich der an ihren Kosten stark beteiligten Gewerkschaften und die Pillenhersteller verhalten: Sie haben genommen, was sich holen ließ.

Die Folgen, die Bundessozialminister Herbert Ehrenberg am vergangenen Montag einer bedeutenden Versammlung von Beutelschneidern – diese Versammlung nennt sich "konzertierte Aktion im Gesundheitswesen" – vortrug, sind respektabel: Alles ist teurer geworden. Die Kosten stiegen um neun Prozent für Arzneimittel und um 12,2 Prozent für den Zahnersatz, um 10,3 Prozent für Heil- und Hilfsmittel, um acht Prozent für Krankenhausbehandlung, und selbst die Ausgaben für die ambulante ärztliche Behandlung, die noch am besten kontrolliert sind, wuchsen mit 6,7 Prozent schneller als vereinbart. Noch einmal die Vergleichszahl: Die Einkommen der Versicherten haben um 5,5 Prozent zugenommen.

In diesem Jahr nun werden die Versicherten nur um vier Prozent mehr verdienen als im Vorjahr; sollten die Beitragssätze zur Krankenversicherung stabil bleiben, so dürften die Ausgaben der Kassen ebenfalls nur um vier Prozent zunehmen. Mag man da den Optimismus Ehrenbergs teilen, es werde schon gelingen, die Beiträge stabil zu halten?

Solche Zuversicht fällt schwer. Selbst wenn es 1981 gelänge, die Beitragssätze stabil zu halten, so würde dieser Erfolg schon im folgenden oder im übernächsten Jahr wieder zunichte. Denn keiner der Beteiligten hat ein Interesse an der verordneten Sparsamkeit, alle aber sind bestens motiviert, zuzulangen. Alle verhalten sich systemgemäß. Das System selbst aber, die Rundumversicherung und die kritiklose Versorgung mit Sachleistungen, ist verrottet. Man mag gespannt sein, wieviel Kostenexplosionen noch vonnöten sind, ehe die Verantwortlichen den Mut aufbringen, dieses System in den Abfalleimer der Sozialgeschichte zu werfen. Dieter Piel