West-Berlin

Was kommt nach dem Happy-End, wenn abgeblendet wird, fragte schon Tucholsky. Die Geschichte der Krankenschwester Irene Mössinger hört sich an wie die moderne. Berliner Forsetzung des Sterntaler-Märchens. Eine stattliche Erbschaft von fünfhunderttausend Mark war ihr vor gut einem Jahr in die Schürze geregnet. Statt eines Traumlebens mit Investment-Papieren kaufte sie sich ihren Lebenstraum in Gestalt eines großen gelbgrünen gebrauchten Viermastzeltes, vierzig Meter im Durchmesser und für gut zweitausend Zuschauer, dazu Zirkuswagen und Tiere. Sie wollte, zwei bis drei Steinwürfe entfernt vom Zirkus Karajan, ihren eigenen Zirkus haben, der Platz hat für Poesie und Jongleure, Fringe und Fools, Feuerschlucker und Zauberer. Ein alternativer Zirkus zwischen allen Subventionstöpfen.

Der Senat, wie das eben so ist, bezeugte Interesse, das Bezirksamt gar Sympathie – in Form eines befristeten Mietvertrages von immerhin zweitausend Mark monatlich für ein städtebaulich . ungeklärtes Gelände. Der Senat spendierte fünftausend Kubikmeter Sandaushub vom U-Bahn-Bau für jenes planierte überwucherte Trümmerfeld des ehemaligen Potsdamer Bahnhofs zwischen Mauer und Bernburger Straße. Ein kleines alternatives Traumland wurde mit vielen bezahlten und freiwilligen, eigennützigen und uneigennützigen Helfern aus dem brachen Gelände gestampft, davor ein riesiges Entree-Schild aus knallig buntem Pappmaché, mit Glühlampen-Girlanden, wie es sich für einen Zirkus gehört. "Tempodrom" nannte sich das Unikum ohne Konzept, aber mit viel Ideen. Die Lokalpresse reagierte verstört und zimperlich. War das nun Kunst oder Freizeitkultur, sollte man den Lokalredakteur oder den Feuilletonisten hinschicken?

Irene Mössinger scherte das wenig, sie lud Schweine-Dressur, Kabarett. Artisten, Clowns, Ingrid Caven und Eric Burdon zum Eröffungsspektakel am 1. Mai vorigen Jahres. Improvisation war ästhetischer Trumpf, die Grenzen zwischen Kunst und Spaß, Witz und blanker Albernheit kamen programmatisch ins Fließen. Die Poesie war bunt gewürfelt wie das Kleid des demokratischen Hofnarren – der baumelte mit den Beinen. Die Touristen gingen weiter ins Theater des Westens, das Tempodrom, gelegen auf der Grenze zwischen Tiergarten und Kreuzberg, war kulturell schwer zu orten.

Viele aufwendige Panoptika folgten: Eine Revue der sechziger Jahre mit einem eingeflogenen englischen Posträuber und dem Altkommunarden Langhans, dem unvermeidlichen Eddie Constantine und der vermeidbaren Manuela, die, ganz ohne Komik, Schlager sang, wie sie es immer tut. Theatergruppen aus allen Ecken der Welt machten Station: Die Fools hielten Einzug, die indische Theater-Akademie Poona kam und die italiensche Commedia dell’ Arte, die San Francisco Mime Troupe, Jérôme Savary mit seinem Grand Magic Circus und die Freaks der Münchner Opera Curiosa. Ein Kinderzirkus zum Mitmachen tat sich auf, eine Artistenschule wurde gegründet, die Pläne flogen, von Woche zu Woche, höher, die finanziellen Mittel sackten, reziprok. Die Sintis ließen sich hier für eine Woche mit ihren Problemen nieder und führten ihre Musik auf. Dazwischen siedelte sich Ärger an: Lärmbelästigung, Mistgeruch, Kündigung des Mietvertrages, Rücknahme der Kündigung, neuer befristeter Vertrag. Die Zahlen wurden röter, die Politiker aus allen Lagern rieben ihr Image an der Idylle, sprachen für und wider, wie das ihre Pflicht ist. Eine Tempodrom-Initiative und ein leidlich gehender Flohmarkt brachten das Unternehmen mehr schlecht als recht über den Winter.

Aber die Geschichtenerzähler wissen, warum sie nach dem Happy-End abblenden. Mitte März kam der Konkurs. Märchen haben keine Konjunktur. Bei uns wird mit Mark gewirtschaftet, nicht mit Talern. Jürgen Engelhardt