ARD, Sonntag, 22. März: "DDR-Literatur 81", Beobachtungen auf der Leipziger Buchmesse; von Lutz Lehmann und Fritz Pleitgen

Es geht also auch so: Zwei Journalisten taten sich auf der Leipziger Buchmesse um, stellten Fragen, unterhielten sich mit Lesern, Autoren und Funktionären, beobachteten den Schriftsteller und das Publikum während der Lesung, die plebejisch gekleideten Herren am Vortragspult und die festlich gekleideten, Damen und Herren Sach Und was in ten sie noch? Etwas Erstaunliches. Sie horten zu. Statt Satz für Satz mit vertrautem Argument Zu kommentieren, ließen sie den Minister Klaus Höpcke und den Präsidenten des Schriftstellerverbands, Hermann Kant, in gebündelter Rede, nicht zum Ausufern einladend, aber auch nicht auf sekundenschnelle Statements erpicht, das ihrige sagen.

Da konnte der eine zeigen, daß er die Kunst versteht, harte Wahrheiten in Nebensätzen wie Beiläufigkeiten zu artikulieren und die Imperative mit Hilfe einer freundlich-urbanen Rede als Fragen auszugeben. Und da konnte der andere vorexerzieren, daß Dialektik des artigen Wortes bedarf, um einerseits Amüsement zu verbreiten und um andererseits den Zuhörer zu entschiedener Gegenrede auf vergleichbarem Sprachniveau zu bewegen.

Diese Gegenrede unterließen die Gäste aus dem, von Leipzig aus gesehen, anderen Teil Deutschlands ... Und dafür sei den beiden ausdrücklich gedankt. Endlich einmal hatte der Betrachter am Bildschirm Gelegenheit, Intellektulle aus der kennenzulernen, mitsamt ihrer Argumentationsweise, ihrem Denk- und ihrem Sprachstil, die ihn in ihrer Widersprüchlichkeit beeindruckten – im Versuch, zu neun Zehnteln offen zu debattieren und im letzten Zehntel die freimütig herausgestellten Antithesen dann doch wieder einzuebnen und mit einem Salto mortale in den Bezirk unveräußerbarer Grunddoktrinen das eben noch munter der Kritik Preisgegebene in gewohnt strenger Beleuchtung zu zeigen.

"Jetzt könnte Pleitgen sagen", "hier würde ich, anders als Lehmann, Hermann Kant folgendes antworten". Überlegungen wie diese im Betrachter provozierend, luden die Publizisten den Zuschauer zum gutnachbarlichen Streitgespräch ein – und zeigten zugleich, daß hier auf einem Niveau debattiert und Paroli geboten werden müsse, das mit unreflektiertem Antisozialismus gewiß nicht zu erreichen ist... wohl aber mit Hilfe von Überlegungen, wie sie im vergangenen Jahr, als eine bundesrepublikanische P.E.N.-Delegation in Budapest war, der ungarische Kultusminister anstellte. Befragt, ob er die Schriftsteller mit. Hilfe von Eingriffen ins Kunstwerk diszipliniere, antwortere er jawohl, das könne er schon seine Amtsgewalt zeigen, doch täte er’s nicht. Warum? Weil ein sekundenlanger Triumph – der Scheintriumph der Macht – erkauft sei mit jahrhundertelanger Lächerlichkeit: "Und wer", so der Minister, ‚möchte sich schon in einem solchen Zerrspiegel anschauen und, bloßgestellt von der Kunst, für Zeit und Ewigkeit ein Popanz sein?"

Sätze eines Kollegen Klaus Höpckes, die ich, eingeladen von Pleitgen und Lehmann, gern zitiert hätte, im Gespräch mit den Literatur-Oberen von Leipzig.

Ich hole es hiermit nach. Momos