Von Albrecht Fölsing

Die direkten Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft für die Wissenschaft in Deutschland finden sich in einer Anekdote komprimiert. Der Göttinger Mathematikprofessor David Hilbert wurde anläßlich eines Banketts vom NS-Wissenschaftsminister Bernhard Rust gefragt, ob sein Institut durch die Reinigung vom jüdischen Geist wirklich so gelitten habe. "Jelitten? Dat hat nicht jelitten", erwiderte Hilbert im Tonfall seiner ostpreußischen Heimat, "dat jibt et janich mehr."

Der NS-Staat ließ sich seine rassistische Ideologie viel kosten: Durch das Gesetz zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das schon am 7. April 1933 in Kraft trat, verlor etwa jeder sechste Hochschullehrer seine Stellung. Die meisten mußten nicht nur die Universität, sondern auch Deutschland verlassen, unter ihnen 19 Forscher, die entweder schon den Nobelpreis erhalten hatten oder später mit ihm ausgezeichnet wurden. Besonders stark war der Exodus unter den Physikern, von denen jeder vierte durch die "Arierparagraphen" betroffen war; unter ihnen waren elf Nobelpreisträger. Diese Vertreibung hat – in den Worten Helmut Schmidts anläßlich der Physikertagung im September 1979 – "unsere eigene Kultur geistiger Schöpfungskräfte beraubt, die unersetzbar bleiben".

Immerhin blieben drei Viertel aller Physiker in Deutschland. Sie gerieten bald, ob sie es nun wollten oder nicht, in die Mühlen des Dritten Reiches. Wie die Prominenteren unter den Physikern auf diese politische Herausforderung reagierten, ist Gegenstand einer historischen Studie, die vor drei Jahren in den USA erschienen ist und jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt:

Alan D. Beyerchen: "Wissenschaftler unter Hitler. Physiker im Dritten Reich"; mit einem Vorwort von K. D. Bracher; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1980; 379 S., DM 48,–.

Allerdings wird längst nicht das ganze Panorama der "Physiker im Dritten Reich" behandelt, wie es der Untertitel verspricht. Für den Historiker Beyereben ist Physik vornehmlich eine Angelegenheit von Universitätsprofessoren; industrielle und militärtechnologische Aspekte werden nur gelegentlich am Rande erwähnt, ebenso das diffizile Problem der "Uranforschung" im Zweiten Weltkrieg.

Beyerchens Darstellung konzentriert sich also vornehmlich auf die Konsequenzen nationalsozialistischer Politik für den Bereich der Universitäten, Akademien und staatlich geförderten Forschungseinrichtungen wie die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der allerdings von der "Arierparagraphen" auch am stärksten betroffen wurde. Beyerchen rekapituliert noch einmal am Beispiel der Universität Göttingen das schon oft beschriebene plötzliche Ende des "Goldenen Zeitalters der Physik": Der würdige Rücktritt von James Frank, der eine Ausnahmeregelung für jüdische Weltkriegsteilnehmer nicht in Anspruch nehmen wollte, die verzweifelte Resignation von Max Born und das nach einigem Lavieren doch unvermeidliche Aufgeben von Richard Courant – bis hin zu jenem Zustand, den Hilbert mit "dat jibt et janich mehr" charakterisiert hatte.