Am 30. März 1979 wurde der deutsche Handball-Nationalspieler Joachim Deckarm in der Europacup-Begegnung des VfL Gummersbach gegen Bányász Tatabánya schwer verletzt. Er lag nach dem Zusammenprall mit seinem ungarischen Gegenspieler Lajos Pänovics 131 Tage im Koma. Vermutlich wird er nie wieder ganz gesund werden. Aber auch sein damaliger Kontrahent leidet noch immer unter dem Schock dieses Ereignisses. In Ungarn erschien dieser Tage ein Buch, das sich mit dem tragischen Fall beschäftigt.

Mörder... du hast Deckarm erledigt! Die Worte, trafen Lajos Pänovics mit einer Wucht, als ob der deutsche Spieler sie aus einer Waffe abgefeuert hätte. Zuerst schaute der auf der Auswechselbank sitzende Handballer von Tatabánya verständnisvoll zum Spielfeld, als ihm jedoch der Text übersetzt, wurde, geriet sein Blut, in Wallung. Er war sich seiner Unschuld bewußt und dennoch lastet auf ihm dieser Satz, den er seitdem nicht mehr loswird. Ob beim Spaziergang mit seinem Sohn auf. der Straße, beim Führen des Balles auf. dem Spielfeld oder wenn er um Mitternacht sterbensmüde ins Bett fällt, er hört die schonungslose Bemerkung: „Mörder... du hast Deckarm erledigt!“

Diese dramatische Schilderung leitet das Bach des ungarischen Sportjournalisten Tibor Hámori ein, das in Budapest unlängst unter dem Titel: „Die Deckarm-Story – 131 Tage im Korea“, erschien. Doch der Verfasser, Redakteur des Fachblattes Nepsport, setzt dem Leser nicht emotionsgeladene Detailschilderungen des tragischen Falles Joachim Deckarm vor, sondern läßt die wichtigsten Leute zu Wort kommen, die mit dem Verunglückten in Ungarn und später in der Bundesrepublik zu tun hatten, nachdem die Ereignisse beim Hallenhandball-Europapokalspiel Bányász Tatabánya – VfL Gummersbach im März 1979 ihren unheilvollen Lauf nahmen. In diesen mit großer Sorgfalt geführten Gesprächen fällt die Hauptrolle zwangsläufig dem Mann zu, der, ohne es zu wollen, direkt mitbetroffen war: dem 29jährigen Lajos Pänovics.

„Wenn das Thema wieder erwähnt wird, kommen in seinem Gesicht die Züge der Qual wie Narben zum Vorschein. Denn es gibt ja nicht nur physische Schmerzen. Obendrein kam auch er nicht ganz ungeschoren davon! Seit dem Zusammenprall spürt er Schmerzen im rechten Hüftgelenk, kann auf seinem Hinterteil kaum sitzen, zappelt hin und her vor dem Fernsehgerät, längere Autofahrten lehnt er ab. Im Vergleich dazu spielen drei frühere Schulterverrenkungen, ein Hand- und ein Beinbruch für ihn keine Rolle mehr. Und was er als Geschenk dieser fürchterlichen Karambolage erhielt – die Gemütsdepression, die nicht zu vertreibende Angst.“

Seit demUnfall, von Deckarm ist Lajos Pänovics’ nicht mehr bereit, einen Zweikampf im Spiel konsequent durchzustehen. Er überläßt den Ball eher dem Gegner, als die Anschuldigung zu riskieren: „Du bist brutal, deinetwegen rang auch Deckarm mit dem Tod!“

Die Wurzeln des psychischen Druckes sind in einer Szene zu suchen, die sich nach dem Abtransport Deckarms ins Krankenhaus abspielte, als die Begegnung fortgesetzt wurde. Daran erinnert sich Lajos Pänovics immer wieder:

„Sowohl seelisch als auch körperlich am Ende, saß ich, selbst halb bewußtlos, auf der Bank. Die Augen der Deutschen schleuderten Blitze zu mir. Ich wollte mich dort nicht rechtfertigen, lediglich mit einer ungeschickten Bewegung signalisierte ich zum Spielfeld: Jungs, ich kann nichts dafür, ich kämpfte nur um den Ball, ich wollte Joachim nicht weh tun!