Fritz 3. Raddatz: "Das Tage-Buch – Portrait einer Zeitschrift." Golo Mann nannte ihn "Deutschlands bedeutendsten politischen Publizisten seit Friedrich von Gentz", und Kurt Tucholsky schrieb 1933 an den Freund Walter Hasenclever: "Das ‚Neue Tage-Buch‘ ist famos... Schwarzschild hat einen Instinkt, eine Witterung – ganz famos. Er schreibt auch immer besser und, entwickelt sich großartig. Kurz: Es ist eine ungetrübte Freude. Ich empfehle das Blatt überall." Das betraf einen Journalisten, der zu dem Zeitpunkt bereits im französischen Exil saß, seine 1920 zusammen mit Stefan Großmann unter dem Titel "Tage-Buch" gegründete Zeitschrift herausgab – ein Blatt, dessen Chefredakteur Carl von Ossietzky mehrere Jahre war, bis er 1926 – als Nachfolger Siegfried Jacobsohns – Herausgeber der "Weltbühne" wurde. Herz und Hirn des "Tage-Buch" war Leopold Schwarzschild, 1891 als jüngstes von elf Kindern einer alten jüdischen Frankfurter Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie geboren und, selbst im Ort seines Todes noch ein Stück Geschichte der ersten deutschen Republik gleichsam zitierend, 1950 bei Rapallo während einer Reise aus seiner dritten Exilheimat USA gestorben: ein Mann, der (den Titel seiner umstrittenen Karl-Marx-Biographie "Der rote Preuße" variierend) genannt werden kann: "Der schwarze Preuße". Alles, wovor er warnend die Stimme einer strahlenden Vernunft erhoben hatte, traf ein; genau, bis aufs Wort. Von Menschen wie ihm blieb Gebein oder Haar; und niemand hatte etwas gewußt – nicht zuvor, nicht währenddessen, nicht hinterher. Von Europa blieb Asche. Nachkriegsdeutschland hat sich an Leopold Schwarzschild nicht erinnert, ihn nicht wahrgenommen, nicht aufgenommen, ihn nicht geehrt. Sein Grab liegt in der Fremde – wie die Gräber von Marx oder Einstein, Heine oder Thomas Mann. Es ist gute Zeit, seiner zu gedenken (Athenäum Verlag Königstein, 1981; 80 S., 9,80 DM).