Von David Kennedy

Als Freund und Gast der Bundesrepublik Deutschland bin ich zum zweitenmal in diesem Land. Betrübt und verwirrt nahm ich am 28. Februar 1981 von den Ereignissen in Brokdorf Abschied. Meine Erlebnisse dort machten mich ratlos.

Wo waren die Verkehrspolizisten, die das Verkehrschaos hätten lindern können? Wo, innerhalb des 20 Kilometer Radius, waren die Ärzte, das Rote Kreuz, die berichterstattenden Journalisten? Wo waren die Erwachsenen des bürgerlichen Mittelstandes, wo die Kinder geblieben?

Warum wurden jene Tausende von ungebändigten und orientierungslosen Jugendlichen von ihrer Gesellschaft, von ihren Kirchen und von ihren politischen Parteien so allein gelassen?

Soweit ich es während der neun Stunden, die ich in der Wilstermarsch dabei war, beurteilen konnte, taten die Presse und die Ärzteteams ihr Bestes, um hinter der Polizeilinie oder über unseren Köpfen in den Hubschraubern Distanz zu halten. Repräsentanten der Institutionen waren innerhalb des 20-Kilometer-Radius, im Niemandsland, jedenfalls nicht zu finden.

Staat und Gesellschaft mit ihren zahlreichen Institutionen hatten die Demonstranten und die Polizei allein gelassen. Diesen beiden Gruppen stand es nun frei, sich ihrer im normalen Alltag eingeübten Zurückhaltung zu entledigen. In dem unablässigen Hin und Her der Entscheidungen der zuständigen Behörden und Gerichte blieb die Wilstermarsch letztlich sich selbst, den Demonstranten und der Polizei überlassen. In dieser Situation konnten weder die Demonstranten noch die Polizei jenen meinungsbildenden Dialog führen, auf den es angekommen wäre und dessen Scheitern durch all die nachträgliche, gegenseitige Beglückwünschung über einen friedlichen und gelungenen Verlauf der Demonstration letztendlich nur verdeckt und unter den Teppich gekehrt wurde.

Warum blieben Tausende von Demonstranten seltsam isolierte Einzelgestalten, wo war der gemeinsam sie beflügelnde "esprit de corps", wo die Slogans, wo die feste Grundüberzeugung und gemeinsame Gesinnung? Vor allem sah ich verwirrt und ziellos auseinanderlaufende Menschen, die vereinsamt wirkten, obwohl sie doch Teil einer zwar ungefestigten, aber doch bestehenden Massenbewegung waren. Zugegeben, es gab Gewalt und Provokationen, schwerer jedoch wiegt der Unwille oder die Unfähigkeit der ganz überwiegenden friedlichen Mehrheit der Demonstranten, sich davon abzugrenzen.