Der Rat der Geldgötter war fassungslos. Auf den Chefetagen derSchweizer Wirtschaft reagierte man wie eine Schiffsbesatzung bei der Meldung "Mann Über Bord!" Das Bild läßt sich fortsetzen, da schwamm tatsächlich einer, aber freiwillig und mit der Erkenntnis, bis dahin auf dem falschen Dampfer gewesen zu sein: Hans A. Pestalozzi, eine strahlende Erfolgsfigur aus der Zeit der großen Nachkriegsblüte, Musterschüler der Handelshochschule St. Gallen, Top-Manager im Migros-Konzern, Guru aufstrebender Kaufleute als Leiter des renommiertesten Wirtschaftsinstituts, Kommandeur eines Bataillons der Schweizer Armee, schick und silbermähnig, intelligent und eloquent.

Dieser Pestalozzi also erhob-scheinbar plötzlich, "wie in einem Anfall", seine Stimme gegen Gewinnmaximierung und Wegwerfmentalität, gegen den Eigennutz als Motor der kapitalistischen Ordnung, gegen die Fetischisierung des Bruttosozialprodukts, gegen den Grundstückswucher und das Bankgeheimnis (als Schlupfwinkel für Gangster und Polit-Gangster), gegen die Ausbeutung der Dritten Welt und die Zerstörung der Umwelt, gegen ein Konkurrenz-System, das Angepaßte züchtet und Außenseiter als Randgruppen verkommen läßt.

Bei einer Diskussionsrunde im Schweizer Radio kam man beiläufig auf diesen Pestalozzi zu sprechen. Da stellte einer der ranghöchsten Offiziere, nämlich der Ausbildungschef der-Armee, eine Frage, die typisch war für die im helvetischen Establishment herrschende Bestürzung: "Was ist Wohl mit diesem Typ passiert?" Der Oberstkorpskommandant wollte damit andeuten, daß dieser Typ übergeschnappt sein müsse.

Aber die ganze Aufregung beruhte auf einem Mißverständnis. Die unbotmäßigen Erkenntnisse und Redensarten dieses Typs waren überhaupt nicht plötzlich und spontan gekommen, sondern hatten, sich über Jahre hinweg in aller Ruhe entwickelt und verfestigt.

Pestalozzi war in den letzten Lebensjahren des dynamischen Migros-Gründers Gottlieb Dittweiler dessen persönlicher Referent, bei ihm ging er in die Schule des produktiven, also unkonventionellen Denkens, von ihm ist er geprägt – Und nicht etwa von seinem berühmten Urahn Johann Heinrich, den er sich als Möglichkeit eines peinlich prätentiösen Vergleichs weit vom Leibe hält. Duttweiler hinterließ in der Nachbarschaft seiner Villa über dem Zürichsee das Gottlieb-Duttweiler-Institut und im Kopf des Institutsleiters Pestalozzi die Fähigkeit, Ideen zu entwickeln.

Die Mächtigen des Migros-Konzerns, der inzwischen Nummer eins unter den Schweizer Warenverteilern ist, störten den phantasiebegabten Pestalozzi nicht bei seinen subventionierten Gedankenspielen, sie waren ihm sogar dankbar für seine Dienste als geistiger Denkmalpfleger in diesem Reservat, denn daraus ergab sich eine saubere Trennung: hier die schrankenlose Expansion der Migros (die nie zu Duttweilers Zielen gehört hatte), dort die folgenlos erfüllte Pietätspflicht im attraktiven Freigehege, aus dem Pestalozzi auch noch einen Treffpunkt internationaler Prominenz machte.

Der Auftrag für das Denklaboratorium war eindeutig formuliert. Es hieß da unter anderem, das Institut "als Nahtstelle zwischen Wirtschaft und Wissenschaft" habe "Alternativen zu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zielsetzungen" zu entwickeln und zu vertreten.