Noch ist Polen nicht verloren. Diese Zeile aus der polnischen Nationalhymne wird in diesen Tagen nicht nur einigen Politikern durch den Kopf gehen. Auch so mancher Bankier wird sich an diese Worte erinnern – und hoffen, daß dies auch für seine Kredite gilt. Um sich wirtschaftlich wenigstens halbwegs über Wasser halten zu können, hat die Regierung in Warschau in den vergangenen Jahren Milliardenkredite im Westen aufgenommen. Zunächst sollten sie genutzt werden, um die Industrie auszubauen und zu modernisieren. Die erhofften Exporterlöse der so wettbewerbsfähig gemachten Wirtschaft hätten dann später die Rückzahlung der Kredite mit Zins und Zinseszins ermöglicht.

Soweit die Theorie. Doch immer größere Teile der inzwischen auf über 23 Milliarden Dollar gewachsenen Schuld wurden dazu verwendet, den Import dringend benötigter Konsumgüter zu finanzieren. Polen handelte da nicht anders als viele der Entwicklungsländer ohne eigene Ölquellen. Auch einige westliche Industrieländer – wie zum Beispiel Dänemark – haben im Ausland aufgenommene Kredite zu einem großen Teil nicht für Investitionen, sondern für den Konsum verwendet. Vor allem seit der Himmelfahrt der Ölpreise mußte eine wachsende Zahl von ölabhängigen Staaten das Geld zur Bezahlung der Energierechnung im Ausland pumpen.

So wurde in den letzten Jahren ein riesiger Schuldenturm aufgebaut. Inzwischen sind es weit über tausend Milliarden Dollar. Über dreihundert Milliarden davon schulden Entwicklungsländer, die zu den Ärmsten der Armen gerechnet werden müssen. Allein um ihren Zins- und Tilgungsverpflichtungen nachkommen zu können, brauchen sie ständig neue Kredite.

Es ist nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn der riesige Schuldenturm, der in den vergangenen Jahren aufgebaut wurden einmal ins Wanken geriete. Der erste Stein, der morsch wurde, war die Türkei. Nur durch eine schwierige internationale Aktion war es möglich, die 5,5 Milliarden Dollar zu beschaffen, um das Land am Bosporus vor der Bankrotterklärung zu bewahren. Bei Polen müßten zum gleichen Zweck in diesem Jahr zehn bis elf Milliarden Dollar zusammengebracht werden. Davon sind zwischen sechs und sieben Milliarden Dollar allein für die Verzinsung und Tilgung der alten Schulden notwendig, der Rest, um einen völligen Zusammenbruch der Versorgung zu verhindern.

Die Bundesrepublik ist in doppelter Hinsicht in diesen Fall verwickelt. Einmal, weil sie nicht das geringste Interesse daran haben kann, daß es in Polen zu einem wirtschaftlichen und politischen Desaster kommt. Zum anderen, weil sie mit rund sieben Milliarden Dollar zu den größten Gläubigern des kommunistischen Staates gehört. Doch dieses Interesse am Schicksal Polens kann noch teuer werden. Fachleute sind davon überzeugt, daß Warschau in den nächsten Jahren noch weitere 20 bis 25 Milliarden Dollar braucht, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen.

Es gehört wenig Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß die Türkei und Polen zwar die ersten, aber nicht die letzten Länder waren, denen mit immer mehr Geld geholfen werden muß, ihre immer größere Schuldenlast zu finanzieren – weil sonst das gesamte internationale Kreditgebäude ins Wanken gerät. Es wird deshalb höchste Zeit, daß die Konsequenzen dieser Politik sorgfältig durchdacht werden. Bisher war eine Debatte darüber weitgehend tabu.

Michael Jungblut