Wir erwarten nicht von Ronald Reagan, dem amerikanischen Präsidenten, daß er Machiavellis "Der Fürst" gelesen hat. Nicht, daß wir glauben, amerikanische Präsidenten oder Filmschauspieler seien sowieso ungebildet. Doch der Geschichtsunterricht in den Vereinigten Staaten beginnt nun einmal erst mit der Unabhängigkeitserklärung, und die Ansichten europäischer Denker aus dem Mittelalter fallen unter die pre-historic studies.

Die Kenntnis von Machiavellis Ratschlägen, "was ein Fürst tun muß, um sich Ansehen zu erwerben", hätte Reagan viel genutzt, als er kürzlich in New York essen ging. "Da jede Stadt, in Zünfte und Gewerke zerfällt", schrieb der Florentiner Machiavelli, "muß er (der Fürst) auch auf diese Gemeinschaften Rücksicht nehmen, gelegentlich mit ihnen zusammenkommen und seine Leutseligkeit und Freigiebigkeit beweisen, dabei stets seine Würde bewahren; denn diese darf er bei keiner Gelegenheit außer acht lassen."

Ob Ronald Reagan seine Würde bewahrt hat, als er mit seiner Frau Nancy und einem Hofstaat von rund hundert Freunden die Zunft der Köche in der New Yorker Pizzeria "Le Cirque" aufsuchte?

Pizzeria-Inhaber Sirio Maccioni war jedenfalls ganz und gar nicht zufrieden mit dem Präsidenten. Vor ihm kamen nämlich die Inspektoren der New Yorker Gesundheitsbehörde und unterzogen seine Küche einer gründlichen Visite. Wenig später folgten Beamte des FBI, die nach Bomben am Buffet und Mäusen im Müll suchten. Schließlich nahm sich der Secret Service von der Kaltmamsell bis zum Chef de rang das Personal vor. Signor Maccioni sah ihrem Treiben mit Unbehagen zu, trug es aber zunächst mit Fassung. Als dann wenige Stunden vor dem angesetzten Essen Beamte des Bundesgesundheitsamtes eintrafen, war’s dem Pizzeria-Besitzer jedoch zu viel.

Wir sollten an dieser Stelle erwähnen, daß Signor Maccioni schrecklich untertreibt, wenn er "Le Cirque" eine "Pizzeria" nennt. Sein Lokal ist nämlich ein "Nobelrestaurant", wie unsere Illustriertenschreiber zu sagen pflegen. Die Speisenfolge hatte Illhaeuser Format: Die Reagan-Crew aß Nouilles Fraiches au thon, Belles d’Espagne et St. Jaques en brochette, Soufflé glace citron und – welch ein Ausrutscher – dann noch Zabaione au Grand Marnier.

Aus Angst, daß sich in den langsam abkühlenden Saucen Bakterien vermehren könnten, verlangten die Gesundheitsbeamten eine Schockbehandlung für Nudel- und Muschelzutaten. Die Saucen sollten der Hygiene wegen in kürzester Zeit abgekühlt werden, was Alain Sailhac, den Chefkoch, zur Verzweiflung brachte, weiß er doch, daß sich Geschmack und Konsistenz nur durch ganz langsames Kühlen erreichen lassen.

Alain Sailhac ist Franzose, der Pattissier des Hauses, Dieter Schorner, ist Deutscher. Und das verschärft die Affäre. Diese kleine europäische Gemeinschaft in dem New Yorker Spitzenrestaurant bekam natürlich zuallererst das Mißtrauen der Sicherheitsbeamten zu spüren.