Eine Frage, die den braven Bürger bewegt: Wer holt die vielen Demonstranten auf die Straße?

Kein Tag in diesem Land, der ohne Demonstration vergeht. Wochentags sind es meist nicht mehr als drei oder vier. Am vorletzten Wochenende waren in fast 40 Städten mal ein paar hundert, mal etliche tausend Demonstranten auf der Straße. Das summiert sich zu Massen, zu einem "Phänomen". Politiker und Polizeistrategen rätseln, wie dies möglich ist. Viele vermuten, was der CSU-Bundestagsabgeordnete Fritz Wittmann aussprach: Nur noch ein Verblendeter könne behaupten, daß die chaotischen Demonstrationen und Hausbesetzungen nicht systematisch gelenkt seien.

Gelenkte Chaoten? Straff organisiertes Chaos?

Verständlich, wenn der Oberbürgermeister einer Mittel- oder Kleinstadt verblüfft war, als am Freitag, dem Dreizehnten dieses Monats vielleicht zum erstenmal seit dem Ende des Vietnamkrieges junge Leute demonstrierend um sein Rathaus zogen. Er sollte allerdings wissen, daß es auch in seiner Stadt zahlreiche Gruppen aus Unzufriedenen gibt. Amorphe Gruppen, nicht lenkbar, allenfalls so etwas wie eine "Szene" bildend. Und die Szene braucht keinen Aufruf, kein Flugblatt: Es spricht sich herum – im Jugendzentrum, in den Kneipen, auf dem Schulhof.

Natürlich bedarf es eines Anstoßes zu jenen bundesweiten Demonstrationen. Den lieferte frei Haus zum einen die Nürnberger Justiz, zum anderen ein Irgendjemand aus der Freiburger Hausbesetzerszene, als er die Parole entwarf: "Freitag der Dreizehnte – Beschäftigt die Polizei!" Das sprach sich herum, zum Beispiel durch Hinweise in der Berliner tageszeitung.

Es gibt inzwischen so etwas wie ein "alternatives" Kommunikationsnetz. Dabei ist bedrucktes Papier – Info-Blätter oder Stadtteilzeitungen – nicht der einzige Informationsträger. Wichtiger sind persönliche Kontakte: Mitglieder von Bürgerinitiativen lernen einander auf irgendeinem Bundestreffen kennen. Mitarbeiter von Jugendzentren, die alle ständig um das Fortleben ihrer Einrichtungen ringen, tauschen ihre Erfahrungen aus. Von AStA zu AStA wird telephoniert. Eine Rolle spielen auch Schwarzsender mit so wohlklingenden Namen wie Radio Utopia in Berlin, Radio Zorro in Hildesheim, Radio verte im allemannischen Dreiländereck oder Radio Freies Wendland im Kreis Lüchow-Dannenberg. Sie operieren illegal im kaum genutzten Wellenbereich von 102 bis 104 Megahertz. Ihre Anlagen sind relativ schwach, und sie können nur sehr kurze Sendungen ausstrahlen, weil sie ständig ihren Standort wechseln müssen, um nicht von den Peilwagen der Bundespost geortet zu werden.

Nein, dem besorgten Oberbürgermeister aus der Provinz sei gesagt: Straff organisiert war. das Demonstrationswochenende, von dem auch Ihre Stadt betroffen war, nicht. Mit diesem Kommunikationsnetz kann man nichts zentral lenken: Es hat einfach keine Zentrale. Die Verbindungsfäden haben keinen Verdichtungs- oder gar Ausgangspunkt. Genausowenig gibt es in dieser Bewegung – wenn es überhaupt eine ist – irgend jemand, der auf all die Leute Einfluß ausüben könnte wie ein Rudi Dutschke.