Von Peter Christ

Maria Vogt faßte Mut. Mit dem Wohnberechtigungsschein in der Tasche konnte die Witwe samt ihren acht Kindern bald die vergammelte Altbauwohnung in Berlin-Neukölln mit einer angenehmeren Bleibe tauschen. So schien es.

Heute, drei Jahre später, haust die neunköpfige Familie noch immer in drei winzigen Zimmern, inzwischen mutlos. Wie 1978 hat sich Maria Vogt 1979, 1980 und auch schon 1981 einen Wohnberechtigungsschein geholt, der sie sogar als besonders dringenden Fall ausweist. Doch bei den Vermietern von Sozialwohnungen, meist gemeinnützige Gesellschaften, blitzt sie regelmäßig ab.

Unter den anderen Wohnungssuchenden – für jede freie Sozialwohnung muß das Wohnungsamt den Vermietern mindestens drei Kandidaten präsentieren – gibt es immer eine Familie, die weniger Kinder, ein höheres Einkommen oder zumindest einen Vater hat. Maria Vogt – ein Fall von Wohnungsnot.

Die Dillstraße, im Hamburger Stadtteil Rotherbaum, zählt bei Studenten zu den begehrtesten Wohnlagen. Der Campus liegt vor der Tür, Kneipen und Kinos in unmittelbarer Nachbarschaft. All dies ist dem Vermieter eines schäbigen Altbaus nicht entgangen. Die ehedem geräumigen Wohnungen unterteilte er in winzige Kammern, stellte Möbel vom Sperrmüll rein, nannte die Buden möblierte Appartements und schlug sie an Studenten los. Miete: 25 bis 30 Mark je Quadratmeter und Monat.

Für diesen Wuchermietzins nehmen die Studenten in Kauf, daß Fenster vernagelt sind, durch fingerdicke Fugen der Wind pfeift, blanke Elektroleitungen freiliegen. Die Studenten in der Dillstraße – ein Fall von Wohnungsnot.

Nicht nur in Berlin oder Hamburg, auch in Frankfurt, Düsseldorf, München oder anderswo erleiden Bürger die Folgen verfehlter Wohnungsbaupolitik. Trotz ungeheurer Subventionen – allein im vergangenen Jahr ließ sich der Staat den Wohnungsbau zwanzig Milliarden Mark kosten – drängen sich vor Wohnungsämtern, bei Maklern und Vermietern die Interessenten – mit wenig Hoffnung.