Erst sollte es "ein Film wie ‚Taxi Driver‘" werden, eine weltliche Höllenfahrt, eine authentische Expedition in den City-Dschungel. Da war noch der Regisseur Roland Klick am Werk, ein Mann starker Worte und manchmal auch starker Bilder ("Deadlock", "Supermarkt"). Der hatte Kino im Kopf, für diverse Geschmäcker allerdings zuviel davon. Denn da sollte ja nicht irgendein Buch verfilmt werden, sondern das Bibel der Bücher, der Millionenerfolg, die Bibel der Turnschuhgeneration, die sich "in die Leiden der heiligen Christiane" (Herbert Riehl-Heyse) so inbrünstig versenkt des eine andere Generation einst in die des jungen Werther.

Die der Hölle entronnene Heldin, mittlerweile reich, berühmt und als Interviewpartnerin vom Playboy und von Radio Luxemburg geschätzt, besaß ebenso ein Mitspracherecht wie die beiden wohlmeinenden Reporter, die ihre Passion aufgezeichnet hatten, die Produktionsgesellschaft, der Filmverleih und das in stiller Teilhabe stets gegenwärtige Fernsehen. Die einen fanden Klicks Drehbuchentwürfe zu hart, die anderen zu weich, manchmal wohl auch beides zusammen. Christiane weinte, der Produzent drohte, die Reporter erwogen eine Klage. So kam es, daß Roland Klick die Lust und seinen Job verlor.

So kam es auch, daß der Regisseur Ulrich Edel engagiert wurde, der zuvor die Filmhochschule in München besucht und auch schon zwei Fernsehspiele inszeniert hatte ("Der harte Handel", "Das Ding"). Der führte sich sogleich mit markanten Sprüchen ein ("Es war der stärkste Stoff, den ich je gelesen hatte") und fand auch die Billigung der jugendlichen Kultfigur, deren früheres Wirkungsfeld rund um den Bahnhof Zoo inzwischen von Busladungen erlebnishungriger Berlin-Touristen besichtigt wird. Christiane F., an ihrer Vermarktung aufmerksam beteiligt, fand bei "dem Roland" zwar "emotional gute Ansätze", zog den neuen Mann allerdings entschieden vor: "Der geht an die Geschichte weniger emotional ran. Der ist nett. Vielleicht wird das Ganze ein wenig einfallsloser, hat aber dafür mehr mit der tatsächlichen Geschichte zu tun." Mit diesen Sätzen empfiehlt sich Christiane schon heute für die Laufbahn einer staatlich diplomierten Fernsehdramaturgin.

Für angeblich 3,5 Millionen Mark (ein riesiges Budget für deutsche Verhältnisse) hat der nette Herr Edel einen wirklich neuen Film gedreht, den auch Frau Minister Huber, die katholische Filmkommission und der Frauen-Rat aller im Bundestag vertretenen Parteien bedenkenlos empfehlen könnten. Er ist sehr dezent, pädagogisch wertvoll Und geradezu vorbildlich langweilig.

Nein, eine spekulative Räuberpistole hatte ich wirklich nicht erwartet, aber auch nicht das routinierte Fernsehspiel mittlerer Machart, das Ulrich Edel aus dem "stärksten Stoff" gemacht hat. Nur ganz selten wird auf der Leinwand etwas von der Verlorenheit der Kinder der Nacht sichtbar und erfahrbar: am eindringlichsten in einer Sequenz, in der Christiane und Detlef auf das Dach des Europa-Centers fliehen, allein im bläulichen, kalten Licht des riesigen Mercedes-Sterns stehen. Später kommen ihre Freunde, die im Morgengrauen zusammengekauert, erstarrt auf einer Betonmauer hocken.

Da teilen die Bilder plötzlich eine Welterfahrung mit, eine Einsamkeit, die nicht romantisch ist, sondern schrecklich. Auch schrecklich faszinierend. In gewisser Weise stimmt diese Szene natürlich nicht (man kann nicht so ohne weiteres auf das Dach des Europa-Centers klettern), aber wenn man begreift, daß das Wesen des Kinos nicht in der Nachahmung der "Wirklichkeit" besteht, sondern in autonomen Bildern und Tönen, besitzt sie eine innere Wahrheit.

Von dem Milieu der Kinder vom Bahnhof Zoo haben sich der Regisseur Edel und der Drehbuchautor Herman Weigel nicht faszinieren lassen. Ich meine eine andere Faszination als die des lüsternen Spielers, der saftige Details über Heroinabhängigkeit und Teenager-Prostitution erwarten mag. Ich meine die Faszination, die diese Kinder erst in die Diskothek "Sound", an die Nadel, auf den Baby-Strich getrieben haben muß: eine bald fürchterlich enttäuschte Erwartung, in dieser Schattenwelt etwas anderes zu finden als die Monotonie der zerrütteten Kleinfamilienexistenz in den Betonkästen der Gropius-Stadt.

Erst wenn diese Neugier, diese Sehnsucht vorgekommen wären, wenn sie in den Bildern des Films aufgesogen wären, hätte man einen ehrlichen Film über die Kinder vom Bahnhof Zoo machen können. Edels Haltung, die ich ehrenwert finde, aber wirklich nur ehrenwert, ist eine andere: die des distanzierten Erwachsenen, der sich vor jeder einzelnen Einstellung genau überlegt, welchen Schaden er anrichten könnte, wenn er etwas anderes zeigt als eine endlose Folge von klinischen Schreckensbildern.

Edel war vorsichtig, so vorsichtig, daß er das Leben aus seinem Film getilgt hat. Manchmal merkt man, wie schwer es ihm fällt, sich die Verzweiflung, auch den verzweifelten Lebenshunger der Kinder vorzustellen: am deutlichsten in einem ungeschickt zusammengeschnittenen Konzert von Christianes Idol David Bowie (das in Wirklichkeit in New York stattfand und später durch in Berlin gedrehte Aufnahmen der Christiane-Darstellerin Natja Bronkhorst ergänzt wurde). Da ist nichts zu sehen von der Inbrunst, mit der Christiane diesen Sänger verehrt, nichts zu spüren von der Verheißung, die seine Musik für sie bedeutet.

Auch jene Sequenz, die in den ersten Kritiken als die eindrucksvollste gehandelt wird, als grausamer Höhepunkt einer Leidensgeschichte, siehe auf der Leinwand fast indifferent aus: den Krämpfen und Zuckungen der sich im Schmerz der Entziehung windenden Körper von Christiane und Detlef, den fast übermenschlichen Anstrengungen, von der tödlichen Droge aus eigener Kraft freizukommen, folgt die Kamera aus sicherer Entfernung. Eine Verzweiflung wird zur Besichtigung freigegeben, mit dem ungerührten, mitleidlosen Blick, den man in einem Aufklärungsfilm einer Rauschgiftbehörde eher erwarten würde als in einer Geschichte über Menschen.

Wenn die Kameraeinstellung eine Frage der Moral ist, scheint Edels Moral die eines Ministerialbeamten zu sein: rechtschaffen, phantasielos, unbeteiligt. Seine filmischen Mittel sehen entsprechend aus. Immer, wenn etwas Entscheidendes im Leben der Christiane F. geschieht (beim Einsteigen ins Auto des ersten "Freiers" etwa), verlangsamt er das Bild auf Zeitlupengeschwindigkeit. Ein dreifaches !!! an die Adresse der Begriffsstutzigen und Unmündigen, für die der Regisseur sein Publikum hält. Wenn man sich an die entsprechenden Momente in Martin Scorseses "Raging Bull" erinnert, die sekundenkurzen Verlangsamungen, die eine nahezu unbemerkte Irritation herstellen, wünscht man sich mehr Kino und weniger pädagogischen Impetus.

Ich will nicht ungerecht sein. Niemand wird sich einen Film wünschen, der noch mehr Kinder zum Rauschgift und zur Prostitution treibt. Die heimliche Idolisierung der Figur Christiane F., die das Schloßtheater von Moers im letzten Herbst bewog, die von ihm selbst bestellte Bühnenbearbeitung dann doch nicht aufzuführen, findet in Ulrich Edels Film immerhin nicht statt. Aber das allein ist zu wenig für 132 Minuten.

Hans C. Blumenberg