Mit der Zeit hat noch fast ausnahmslos alle großen Rock & Roller dasselbe Schicksal ereilt. Von den Großtaten in ihrer schöpferischsten Phase erzählt man sich die märchenhaftesten Dinge. Und am Ende lebten sie dann von der Tatsache, daß sie früher einmal eher zufällig im richtigen Moment eine Musik machten und Verse formulierten, mit denen sich eine ganze Generation identifizieren konnte. Manchmal passierte das sehr schnell wie bei Bill Haley, Eddie Cochran oder Gene Vincent, dann wieder dauerte es viele Comebacks lang wie bei Gluck Berry oder Elvis Presley. Rock-Heroen haben in der populären Musik der letzten drei Jahrzehnte eine ähnliche Funktion wie die mythischen Personen des Wilden Westens.

überlebensgroß ist längst auch Bruce Springsteen, der 31 Jahre alte Komponist, Gitarrist und Sänger aus New Jersey, der 1973 als „der neue Dylan“ angekündigt wurde und über den der Kritiker Greil Marcus kürzlich noch schrieb, er sei „the man who would save rock and roll“. Die Rolle des Rock-’n’-Roll-Erlösers hat man Springsteen in all den Jahren seit seinem Debüt in Ostküsten-Klubs so lange angetragen, daß er inzwischen bereit zu sein scheint, die Last dieser Aufgabe auch wirklich zu tragen. An seinen Plattenproduktionen arbeitet er ohne Rücksicht auf Kosten so lange, bis er glaubt, auch wirklich Perfektion erreicht zu haben, und die oft mehr als vier Stunden dauernden Konzertauftritte sind ein restlos erschöpfendes Ereignis für ihn selber, seine E-Street Band und das Publikum.

Es war von Anfang an ein fast aberwitziger Anspruch, den man an Springsteen herantrug, und die zynischen Reaktionen konnten nicht ausbleiben. Als die Firma CBS 1975 ihre Millionen-Dollar-Kampagne für seit drittes Album „Born To Run“ inszenierte und den Mann endlich zum Superstar machen wollte, überschrieb die „New York Times“ einen Artikel mit dem Titel: „Wenn es Bruce Springsteen nicht gäbe, hätten die Kritiker ihn erfunden!“ Fünf Jahre später sieht sich der Sänger zumindest in den USA auf dem Höhepunkt seines Ruhms, und aus den Zynikern von damals wurden fast immer Gläubige, die in Springsteen die einzige zentrale und verbindliche Figur der Rockmusik sehen. Ob er dem Ruf, der ihn schon lange vorausgeht, auch außerhalb Amerikas gerecht werden kann, bleibt abzuwarten. Zwei Monate lang wird Bruce Springsteen jetzt in Europas größten Konzertsälen auftreten. Die Tournee beginnt am 7. April in Hamburg und endet am 8. Juni in Birmingham.

Springsteens Wege zum Ruhm verliefen durchaus nicht geradlinig. Während Springsteen selber sich als naiver altamerikanischer Rock & Roller verstand, der alle besseren Pop-Traditionen in seiner Musik und Person vereinigen und versöhnen wollte, sah sein Entdecker und Manager Mike Appel in ihm vor allem den talentiertesten Singer/Songwriter seit Jahren. Die Konflikte, die einerseits Springsteens künstlerische Produktion beeinflussen mußten und andererseits zu jahrelangen juristischen Querelen zwischen Sänger und Manager führten, waren praktisch vorprogrammiert.

Die Texte der ersten, nicht sonderlich gut produzierten und merklich unter dem Einfluß des Bob Dylan von „Bringing It All Back Home“ und „Highway 61 Revisited“ komponierten Platten enthalten eine Fülle überladener Bilder, widersprüchlicher oder kaum entzifferbarer Metaphern und gewaltsam geklitterter Bewußtseinsstrom-Reime, die ein in seinen Mitteln sehr vielseitiges, aber unkontrolliertes und zu wenig selbstkritisches Talent zeigen. Das bislang letzte Album „The River“ markiert andererseits einen Trend zu „neuer Einfachheit“, bei der die charakteristischen, bis in seine Anfänge zurückzuverfolgenden Obsessionen – die Träume von grenzenloser Freiheit im gelobten Land der unbegrenzten Möglichkeiten – nur wenig gebrochen erscheinen.

Die Konflikte verschärften sich 1975 noch, als der Kritiker Landau bei „Born To Run“ erstmals als Koproduzent zur Hilfe gerufen wurde und ständig mehr Einfluß gewann als Manager Appel, der seine Entdeckung mit allen Trieb des Show-Gewerbes „aufgebaut“ hatte. Das Ergebnis war eine restlos in „wall of sound-Technik überproduzierte Plane und ein Rechtsstreit, der damit endete, daß Springsteen seinem Ex-Manager nach häßlichen Auseinandersetzungen sämtliche Verlagsrechte und damit auch die beträchtlichen Tantiemen an seinen ersten drei LPs überließ, um nur ja aus dem Vertrag freizukommen. Seither gibt es eine florierende Industrie, die von den bei Springsteen-Konzerten mitgeschnittenen Raubpressungen sehr gut lebt. Diese „bootlegs“ enthalten viele Songs, die nie mehr in einer offiziellen Studioproduktion auftauchten.

Springsteens beste Studioproduktion wurde sein viertes Album „Darknes On The Edge Of Toten“, eine Mischung aus Outlaw- und Bibel-, Verlierer- und Trivialmythologie. Seine eigene „Punk“-Vision unterscheidet sich wesentlich von der seiner britischen Musikerkollegen, die weit weniger optimistisch gestimmt waren. Der hart arbeitende underdog, für den Springsteen zu sprechen meint, hat mehr mit dem trotzig posierenden Marlon Brando in Kazans „Die Faust im Nacken“ als mit dem realistischer räsonierenden Harvey Keitel aus Schraders „Blue Collar“ zu tun. Vom Text wie von der Interpretation her zeichnen sich seine Lieder durch melodramatische Elemente aus. In seiner Physiognomie manchmal dem jungen Carl Perkins frappierend ähnlich, ist Springsteen für seine Fans eigentlich ein zeitgenössischer James Dean, und seine rebellische Haltung hat nicht von ungefähr einiges gemeinsam mit dessen Vater-Sohn-Konflikt in „... denn sie wissen nicht, was sie tun“. Eine der „klassischen“ Kompositionen von „The River“, nämlich Independence Day“, handelt genau von dieser problematischen Vater-Sohn-Beziehung.