Die Randale tobt nicht nur durch manche Städte in der Bundesrepublik; sie ist auch als neu gebrauchte Wort selbst in der DDR heimisch. Dort hat sie ihre ursprüngliche Bedeutung beibehalten: lärmen, Unfug machen. Dagegen mußte die Randale in der Bundesrepublik eine Sinn-Verschlechterung über sich ergehen lassen. Sie bedeutet heute weitgehend Gewalttätigkeit, vor allem verbindet sich mit dem Wort Randale das Zerschlagen von Schaufenster- und anderen Scheiben, Beschädigungen, selbst vereinzelte Angriffe auf die Polizei umfaßt das Wort. Es ist eine seltsame Bildung aus dem 19. Jahrhundert, kein Fremdwort oder Lehnwort, wie man meinen könnte. Um 1820, als die Studenten gegen Restauration und Reaktion demonstrierten, taucht das Wort auf, aber in der männlichen Form: der Randal. Der Rauda! steht heute als „veraltet“ im Lexikon. Offenbar ist dieses Wort eine Mischung aus Lautmalerei und Sprachparallelität. Denn der Randal wurde dem Skandal nachgebildet, einem griechisch-lateinischen Wort, das aus Frankreich kam und damals ebenfalls nichts so Aufregendes bezeichnete wie heute: nämlich nur einen lauten Umzug, ursprünglich „Ärgernis“. Und im Randal steckt nach Meinung der Germanisten seltsamerweise auch das Wort „rinnen“, von dem es ein Substantiv „Rant“ gab. Das bedeutete in unserer Sprache einmal „Tumult“. Aus Rant und Skandal machten die aufgescheuchten Bürger des 19. Jahrhunderts „Randal“, und die verschreckten Bürger des 20. Jahrhunderts entdeckten das Wort in einer weiblichen Form wieder – ausgerechnet! Es soll sogar ein bißchen mit „Radau“ zusammenhängen, so wie überhaupt die Sprache die Ra-Kombination für kleine Gewalttätigkeiten liebt: Raufbold, Rabauke, Rowdy. Während die einen heute „die Randale“ schadenfroh als Bürgerschreckwort gebrauchen, haben Ausdrücke wie „Randalierer, Radaubrüder“ auch eine politische Funktion: Sie erlauben es, eine ganze Bewegung zu pauschalieren und zu diskreditieren. Von beiden Seiten kann man also auch eine sprachliche Förderung der „Randale“ erwarten.

Hanno Kühnert