Münster

Anarcho-Power gegen Betonsargbauer“, hatte jemand an die Wand geschrieben; ein anderer zitierte gleich daneben Georg Büchner: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“ Der dritte Slogan schien, als Motto der Veranstaltung gedacht zu sein: „Frei sein, high sein, ein bißchen Chaos muß dabei sein.“

Es war eine Menge Chaos dabei, als sich am Wochenende 800 Haus- und Instandbesetzer, Mitglieder von Mieterinitiativen und Angehörige von Aktionsgruppen für Jugend- und Kommunikationszentren zu einem ersten bundesweiten Erfahrungsaustausch trafen. Hier zählten weniger Wortmeldungen und Rednerlisten, sondern vielmehr ein rascher oder auch rücksichtsloser Griff zum Mikrophon sowie Ausdauer und Lautstärke der eigenen Stimme.

Dabei war der „Kongreß zur Wohnungsnot und Wohnraumpolitik in der BRD“ in der ehemaligen Pädagogischen Hochschule von Münster von Leuten vorbereitet worden, die viel übrig haben für straffe Organisation und ordnungsgemäß abgewickelte Veranstaltungen, für Protokolle und Resolutionen, Abstimmungen und Grußbotschaften. Eingeladen hatte nämlich, unter Beteiligung örtlicher Gruppen, der Allgemeine Studentenausschuß der Münsteraner Universität, und der setzt sich aus Juso-Hochschulgruppen, dem DKP-Studentenverband MSB-Spartakus und dem Sozialistischen Hochschulbund SHB zusammen.

Mit den Ritualen des studentischen Parteiennachwuchses hatten die Hausbesetzer aber nicht viel im Sinn. Sie waren aus Berlin und Freiburg gekommen, aus Nürnberg und Wuppertal, „aus ein paar Dutzend Städten“, wie die Veranstalter eher hilflos schätzten, aus besetzten Häusern und aus Gruppen, die demnächst mit dem Besetzen anfangen wollen. Sie unterschieden sich zwar in ihren strategischen Vorstellungen, vor allem auch in ihrer Bereitschaft zur Gewaltanwendung. Aber was den Kongreß anging, schienen die Hausbesetzer so einig, daß auf Abstimmungen fast völlig verzichtet und statt dessen lauter Beifall als allseitige Zustimmung akzeptiert wurde.

Gleich zu Beginn wurde so, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, den von den Veranstaltern so zahlreich geladenen Pressevertretern strikt verboten, Photon Film- und Tonbandaufnahmen zu machen. Und auch eine abschließende Pressekonferenz untersagte die Sponti-Alternative-Anarcho-Mehrheit per Akklamation. Der AStA fügte sich brav und ohne Widerworte, die Pressekonferenz fiel aus.

Unmißverständlich demonstrierte die undogmatische Häuserkampfbewegung allen anwesenden Parteijugendlichen, daß sie sich nicht für deren parteipolitische Zwecke vereinnahmen lasse. Da mochten DKP-Vertreter noch so wortreich beteuern, wie solidarisch sie seien, wie engagiert sie sich selbst an Hausbesetzungen, etwa in München und Münster, beteiligt hätten, wie fleißig sie „bei den Genossen im Kohlenpott Geld sammeln, um den Leuten in den besetzten Häusern mal Brot und Margarine, zu bringen“. Wohlweislich verzichteten sie auf ihr Parteichinesisch, bedienten sich statt dessen fleißig der jungdeutschen Rumpfsprache, durch häufigen Gebrauch der Wörter „irgendwie“, „echt“ und „Scheiße“ um Vertrauen werbend – erfolglos. Die „neue soziale Bewegung“ mochte sich für die orthodoxen Kommunisten nicht erwärmen. „Hier will doch nur eine erfolglose Minipartei versuchen, ihr eigenes Süppchen zu kochen“, argwöhnte ein Hausbesitzer.

In der Arbeitsgruppe Vier, wo ohne konkrete Ergebnisse über den „Aufbau eines Informations- und Koordinationssystems“ diskutiert wurde, beklagte sich ein Militanter aus West-Berlin, daß „die DKP und ihre SDAJ sich andauernd von der RAF distanzieren“. Und aus der Anarcho-Ecke bekamen die DKP-Strategen, die mit Hilfe der Häuserkampfbewegung eine andere Wohnungspolitik in Bonn und damit wiederum die „Sympathie bei den Massen“ erreichen wollen, diese Abfuhr; „Wir brauchen keine bessere Wohnungspolitik, wir brauchen überhaupt keine Politik mehr.“

Von ihrem ursprünglichen Vorschlag, eine zentrale Mammutkundgebung in Bonn gegen die Wohnungspolitik der Bundesregierung zu veranstalten, rückten die DKP-Leute rasch wieder ab. Die abschließende Resolution, in der für den 26. Mai zu „dezentralen Aktionen“, zu Demonstrationen und Hausbesetzungsversuchen auf regionaler und lokaler Ebene aufgerufen wird, wurde einstimmig verabschiedet.

Inzwischen hatte auch noch jemand etwas an die Tafel geschrieben; „DKP“ buchstabierte er so: „,D‘ wie ‚Deutsch‘; ,K‘ wie ‚Konsum‘, kapitulieren ‚P‘ wie ,Pisser‘, ,Popper‘.“ Ausgewischt hat das niemand.

Klaus Pokatzky