Von Rolf Didier

Münster/Duisburg

An diesem Montag ist plötzlich Klaus-Peter Routhier, 26 Jahre alt, im Saal 118 des Landgerichts zu Münster aufgetaucht. Durch puren Zufall ist er ein paar Tage zuvor der Polizei in Pilmeroth/Hunsrück bei einer Verkehrskontrolle in die Arme gelaufen. Irgendein findiger Beamter hatte festgestellt, daß eine Ausschreibung zur Aufenthaltsermittlung vorliegt, und so hat die 8. Große Strafkammer endlich auch ihren Augenzeugen, muß noch einmal in die längst abgeschlossene Beweisaufnahme eintreten. So gründlich und sorgfältig wie jetzt in Münster ist der Tod des Frühinvaliden Günther Routhier – der jetzt erschienene Klaus-Peter ist sein Sohn – nie zuvor untersucht worden.

Günther Routhier ist am 18. Juni 1974 in der Universitätsklinik in Essen an einer Gehirnblutung gestorben. Kurz zuvor – am 5. Juni – war er bei einem Polizeieinsatz im Arbeitsgericht Duisburg eine Treppe hinuntergestürzt. Die unaufgeklärten Umstände seines Todes haben Staatsverdrossenheit hervorgebracht. Inzwischen sind im gesamten Bundesgebiet wohl mehr als tausend Strafverfahren gegen diejenigen durchgeführt worden, die sich mit den offiziellen Erklärungen der Polizei zum Tod Routhiers nicht zufriedengegeben und behauptet haben, er sei einem Mord zum Opfer gefallen. Das hat auch Professor Christian Sigrist, geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie an der Universität Münster, auf einer am 5. Mai 1976 vom Goethe-Institut und der Universität in Stockholm durchgeführten Podiumsdiskussion getan, die vom WDR ausgestrahlt worden ist.

Professor Sigrist ist dafür am 24. Oktober 1978 vom Schöffengericht Münster wegen Verunglimpfung des Staates in Tateinheit mit Beleidigung zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu je 120 Mark verurteilt worden, Er hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Und nun endlich hat sich ein Gericht der Mühe unterzogen, in sechzehn Verhandlungstagen das aufzuklären, was Gegenstand der Behauptung war. Von einem vorsätzlichen, einem geplanten Mord kann keine Rede mehr sein, aber die Beweisaufnahme hat auch ergeben, daß einige Polizeibeamte alles getan haben, um die Umstände des Todes von Günther Routhier zu vertuschen. In einer Verhandlungspause sagt Staatsanwalt Wolfgang Schweer: „Einige der vernommenen Beamten haben einen ganz miesen Eindruck gemacht.“

Am 5. Juni 1974 wird im Arbeitsgericht zu Duisburg über die Klage des Hanfried Brenner gegen seine fristlose Entlassung verhandelt. Brenner, Mitglied der KPD/ML, war Stoffwärter im Siemens-Martin-Werk 1 der Mannesmann-Hüttenwerke in Duisburg-Huckingen. Wie die KPD/ML-Betriebszeitung Der Röhrenkieker schreibt, hat er „für 22 entlassene Kollegen zum Streik aufgerufen“. Nun will man „diesen Prozeß benutzen, um ihn zu einer Tribüne des Klassenkampfes zu machen“.

Der Verhandlungssaal des Arbeitsgerichtes ist nur etwa sieben mal neun Meter groß und faßt nicht mehr als 25 Personen. Das 14. Kommissariat der Polizei in Duisburg hat von der geplanten KPD/ML-Aktion erfahren und generalstabsmäßig einen Einsatz vorbereitet. Im Saal sitzen neun Beamte in Zivil Zwanzig Uniformierte harren in Wartestellung.