Ein Wunder ist es schon, dieses Abano im Schwemmland der oberitalienischen Tiefebene, vor der Kulisse der euganeischen Berge, die aussehen wie plötzlich erstarrte Blubberblasen aus vulkanischer Tiefe. Ein Ort, praktisch noch Vorort Paduas, so häßlich und doch so erfolgreich.

Nähert man sich über die Ausfahrt Grisignano der Autobahn Verona–Venezia der „größten Thermalzone Europas“ – wie’s der Prospekt verkündet –, so sieht man zunächst nur den gesammelten Zivilisationsmüll, der inzwischen auch die schönsten alten Stadtkerne, ob bei uns oder in Italien, einzudrücken scheint. Das ändert sich keineswegs beim Näherkommen. Man meint schon, sich in die Zona industriale verfahren zu haben. Doch unvermittelt entsteht aus dem Stadtrandwirrwarr eine Pinienallee mit schicken Geschäften, in deren noblen Auslagen schon die Preisschilder für Exklusivität sorgen: Kaum eines bleibt unter 100 000 Lire (was immerhin 220 Mark sind...).

Dennoch – wo bleibt der Kurort, der Kurpark, das Häuschen für das Kurorchester, die Brunnengalerie, der Springbrunnen, die Wandelhalle? Nichts von alledem. Bis man dann entdeckt, vielleicht sogar erlebt, was alle wieder jedes Jahr, und sei es nur für ein paar Tage, nach Abano zieht, was Abano entstehen und berühmt werden ließ: sein heißes Wasser.

Nahezu aus jedem Loch, das man in den Boden bohrt, kommt dieses Thermalwasser – eine Art Muttermilch der inneren Erdkruste – schlammig und bis zu 96 Grad heiß. Bei seiner Klärung und Kühlung auf Körpertemperatur sondert es seinen Heilschlamm ab. Abanos hochgeschätztes Fango: Von 5 Uhr früh an wird in allen guten Hotels der heiße Brei angerührt und auf Zipperlein aller Art geschmiert. Das macht müde und hungrig, und so kreisen alle Gedanken in Abano um Bett und Essen. Kurpark und Kurorchester vermißt der geschlauchte Gast gar nicht mehr.

Doch bleiben wir beim Wasser. Es ist „privat“ und hat Charakter. Privat heißt: Jedes Hotel hat seine eigene Quelle und hätschelt „sein eigenes Wasser“ in kunstvoll angelegten scopertas und copertas, in Hallen- und Freibecken. Abano-Kenner können, genußvoll im Wasser plansehend, stundenlang über die Wasserqualität in den verschiedenen Hotels debattieren und spekulieren, ob nicht ihr Haus, da älter, vielleicht mehr Original-Therme besitze als die neuen Kästen, die überall in den Himmel schießen, und denen stärker verdünntes Wasser nachgesagt wird. Aber alle genießen den einzigartigen Luxus, direkt vom Hotelbett im Bademantel an die warmen Quellen zu gelangen, sich noch schlaftrunken ins Wasser gleiten lassen zu können, ohne lästiges Warten an der Kasse und mühsames An- und Ausziehen in feuchtschwülen Räumen.

Dieses Thermalwasser ist nicht, wie in Deutschland vielfach üblich, weil von Wasserchemikern und Baineologen vorgeschrieben, quasi totgefiltert und totgereinigt. Es lebt, und das heißt – es riecht und schmeckt, und zwar auf so unverkennbar typische Weise, leicht salzig, leicht faulig und ein bißchen schweflig.

Neben Baden und Schlafen gibt es nur noch eine sinnvolle Beschäftigung in dem abgrundhäßlichen Abano Terme: das Tafeln. Es ist nicht nur die italienische Küche in ihrer (lange vor Bocuse) ehrlichen Art der Zubereitung, in ihrer Drei-Gänge-Zeremonie, die das Speisen zu einem dem Baden gleichen Genuß macht, auch die, nennen wir es ruhig mit diesem altmodischen Begriff, Bedienung. Wirklich dienstbare Geister in großer Zahl zeigen, welch ein Unterschied sein kann zwischen gepflegten Mahlzeiten und lieblosen Abspeisungen. In den immer vor grellem Tageslicht geschützten, etwas feierlich, aber keineswegs steifen Speiseräumen ist es allein schon ein Vergnügen, sich einen vorzüglichen Bianco oder Rosso aus den umliegenden Colli Euganeii kredenzen zu lassen.