Stade Die Bauern mochten es nicht glauben: „Wir haben alle viel Geld investiert, unsere Ställe erweitert, hohe Pacht bezahlt, die Kosten für Rodung und Dränage getragen – und das soll nun alles umsonst sein?“

Der Zorn, der sich im Flur des Verwaltungsgerichts Stade’ entlud,galt Naturschützern. Jahrelang waren die Bauern mit Öffentlichen Geldern gefördert worden. Doch nun, so stand zu befürchten, sollte ihnen aus Gründen des Naturschutzes gerichtlich verboten werden, das ihnen gehörende Land unter den Pflugzu nehmen. Als die Richter ihr Urteil verkündeten, war es tatsächlich vorbei mit der Kultivierung. des Bodens, um den es in diesem Prozeß ging: die Randmoore eines unscheinbaren Gewässers im Nordwesten Niedersachsens. Das Verwaltungsgericht gab der Landschaftspflegebehörde Lüneburg recht. Der ökologisch bedeutsame feuchte Saum um den „Bülter See“ steht seitdem unter Naturschutz.

Der Fall der um ihre Nutzungsrechte gebrachten Landwirte, auf der Wesermünder Geest ist kein Einzelfall. Immer wieder prallen vor Gericht die Interessen von Bauern mit den Ansprüchen des Naturschutzes zusammen.’Und wie im Fall der Bauern am Bülter See ziehen die privaten Grundbesitzer dabei meist den kürzeren: Die von der Behörde verordnete. Nutzungsbeschränkung verwandelt – häufig entschädigungslos – ihr Eigentum in ökonomisch wertlose, ökologisch aber um so wertvollere Ländereien.

In der Theorie ist fast jeder Bürger für Naturschutz; in der Praxis aber wehren sich die direkt Betroffenen, wenn Maßnahmen zur Erhaltung der letzten Oasen von „Natur“ auf ihre Kosten gehen. Ökologen fordern, daß sechs bis zehn Prozent der Landschaft von jeglicher Veränderung durch Menschen verschont bleiben sollten. überwiegend handelt es sich da um Grund und Boden, der sich oft seit Jahrhunderten in Privatbesitz befindet. Und ausdieser Situation entstehen Konflikte.

Der Streit um den Bülter See ist ein Beispiel dafür. Das Gewässer liegt nördlich von Heerstedt, einer kleinen Landgemeinde zwischen Bremerhaven und Bremervörde. Die etwa fünf Hektar große Wasserfläche ist umgeben von Moor und Heide. Für den Kundigen stellt dieses unauffällige Stück Landschaft ein Juwel dar: Es ist einer der letzten noch ungestörten Hochmoorseen im Norden Deutschlands. An den Ufern des nährstoffarmen Gewässers wachsen seltene Pflanzen wie Sonnentau, Moosbeere, Seggenried und Wollgras. Außerdem gibt es hier noch Birkwild.

Für die Bauern ist der See wertlos. Gebadet wird darin schon lange nicht mehr, seit jede Gemeinde ihr türkisfarben ausgemaltes Freibad hat. Daß der See selbst schon seit Jahrzehnten unter Naturschutz steht, hatte daher niemanden gestört. Die Nachricht aber, daß nun auch die Randbereiche, insgesamt 580 Hektar, geschützt werden sollten, war für die Bauern ein schwerer Schlag, denn diesen Boden brauchen sie, um in den nächsten Jahren die Existenz ihrer Betriebe zu sichern. Land ist knapp im norddeutschen Raum-

„Verkaufen könnte ich noch“, sagte Bauer Gebken, „aber wer kauft so was, wenn er nichts mehr damit machen darf?“ Selbst als „Wochenendgrundstück“ War das Land nun nichts mehr wert: „Auch dafür würde sich kein Käufer finden, denn er dürfte weder einen Bootssteg noch einen Grill platz oder Fischteich dort anlegen.“