Von Peter Fuhrmann

Ausgerechnet in Peking, beim Gastspiel der Berliner Philharmoniker vor anderthalb Jahren, tat Herbert von Karajan sich und der Welt aufs neue kund, Frauen gehörten in die Küche und nicht ins Sinfonieorchester.

Was nach solchem Befund den Chinesen, inmitten einer Diaspora sondergleichen, fremd wie böhmische Dörfer bleiben mußte, hat in Europa ideologisch eine lange Tradition. Aufs übrige musikalische Metier übertragen schleppt sich jene Auffassung schon durch Jahrtausende.

Frauen in Orchestern: anders als in vielen anderen, vor allem den angelsächsischen Ländern, galt dies hierzulande bis in die jüngste Zeit als kaum zu durchbrechendes Tabu. Frauen am Pult: so schnödem Ansinnen steht ungebrochen ein maskulines Bollwerk emotional verhärteter Schranken entgegen. Sylvia Caduff, vor ein paar Jahren als erste Frau zum Generalmusikdirektor einer deutschen Kleinstadt gekürt, bekam einen so vermeintlichen Frevel unlängst mit voller Wucht zu spüren, als sie sich – vermessen genug – an Karajans Männereliteorchester heranwagte. Hortense von Gelmini, attraktiv, stürmisch und blond, sah sich wohl vorzeitig genötigt, aus. ihrem Traum von der Taktstockkarriere aufzuwachen. „Wenn sie. doch wenigstens nackt dirigierte“ – gegen derlei Aufmüpfigkeit aus dem Orchestergraben war kein Kraut gewachsen; allein: sie enthüllte eine Wahrheit.

Gewissermaßen wohl auch über Frauen als Komponistinnen. In einer Kunstsparte, die wie vielleicht nur noch die Bildhauerei zur Domäne viriler Könnerschaft avancierte, hatten die Damen kaum Chancen. Dabei hatten sich Frauen als Interpretinnen seit dem 17./18. Jahrhundert, mit dem Aufblühen der Oper, systematisch das Feld erobert. Vor allem Pianistinnen, Elly Ney, Clara Haski!, Monique de la Bruchollerie bis hin zu Martha Argerich, verschafften sich durch ihr Können Namen von einem dem der Männer ebenbürtigen Rang. Und eine Frau, die es im Westen gar noch zu entdecken gälte, wäre die phänomenale sowjetische Pianistin Maria Judina, die 1970 in Moskau starb, deren bislang leider nur in der UdSSR vertriebene Schallplatteneinspielungen, insbesondere der Beethoven-Sonaten, endlich auch bei uns auf den Markt gebracht werden, sollten. Ihre Deutung der „Hammerklaviersonate“, eruptiv, gleichwohl kühl vom Verstand reguliert, beispielsweise hat kaum ihresgleichen. Eine Mischung aus Schnabel und Backhaus.

Daß die Musikgeschichtsschreibung indes – von der Avantgarde, bei der sich das Problem nicht mehr stellt, abgesehen – komponierende Frauen sträflich vernachlässigt, geradezu stiefmütterlich behandelt hat, belegen die einschlägigen Lexika ausnahmslos. Ebenso selten, und das steht in ursächlichem Zusammenhang, tauchen weibliche Namen im Schallplattenkatalog auf.

Solch aktenkundigem Mißstand zu Leibe zu rücken, wurden jüngst in Köln und Berlin zwei Frauenmusikvereine gegründet. Überdies fand am Jahresende in Köln/Bonn ein erstes Festival „Frau und Musik“ statt. Ein Zentralarchiv wurde angelegt, dessen Kartei schon jetzt rund 5000 Werke von über 1000 Komponistinnen umfaßt.