In fremden Spiegeln siehst du dein eigenes Bild“ – diese uralt-östliche Weisheit gab einem Roman im Bücherschrank meiner Eltern den Titel. Da floh jemand aus einer schal gewordenen Ehe, heiratete neu in Indien, und siehe da: In der neuen Ehe gab es die alten Probleme. Nun ruft Udo Lindenberg die Erinnerung an diese Geschichte wach.

Nach „Udopia“ – so der Titel seiner neuesten Veröffentlichung (Telefunken 6.24650) – führt er uns, und als Produktionsstätten dieser (seiner fünfzehnten) Platte werden New York und Hamburg-Eimsbüttel, Nassau auf den Bahamas und Eidelstedt angegeben. Der Vater des deutsch gesungenen Spitzen-Rock ist also unterwegs gewesen, hat sich der Einsicht nicht verschließen können, daß er seinen Horizont und seinen Themenvorrat mal erweitern muß. Doch das Neue entpuppt sich als nicht ganz so neu, macht auch ein wenig schmunzeln. Zwei Monate lang, erzählt er, habe er sich in New York umgehört und in einer Stadt mit einem solchen Musikanten-Reservoir natürlich keine Schwierigkeiten gehabt, die Typen aufzutun, deren Sound fast identisch ist mit dem seiner alten Kumpels, mit dem Clan seiner westfälischen Nägelbeißer.

Auf die Bahamas hat er diese alten Kumpels mitgenommen. Udo bleibt eben Udo. Wenn er im lyrisch-kritischen „Sandmännchen“ den Strand besingt und man schon glaubt, gleich wiegen sich die Palmen in lauer Luft, kommt auch schon der norddeutsche Deichgraf Hauke ins Bild.

Und so bietet seine neue Schallplatte denn wieder die probate Mischung aus rockigen Aggressionen und scheu-verhaltenen Balladen, aus Sprücheklöpfen, zynischem Witz und einer immer unverblümter zur Sache sprechenden, die Bisexualität – „stereo find’ ich besser als mono“ – immer offener einbeziehenden Erotik. Nach der Konzeption gefragt, sagt er zu mir: „Sieh mal, das Ganze ist auf Kontrast aufgebaut. Mal ist dieser Groove an der Reihe, mal der andere.“

Das „Straßenfieber“ auf unserem „Affenstern“ diagnostiziert er, nennt rüde Dinge beim Namen und könnte mit Formulierungen wie „die bunte Tante da – Carola Woityla“ bei einigen Sendern Ärger kriegen. Ali, dem Türkenjungen, widmet er ein Lied und kommt uns einmal sogar mal wieder nostalgisch.

Allerdings ist er diesmal nicht, wie einst zu Füßen von Marlene, „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, sondern legt. sich die Frage vor, der sich Zarah Leander vor vierzig Jahren zugewandt hat: „Kann denn Liebe Sünde sein.“ Es spricht für ihn, daß er hier das Parodistische nicht übertreibt, sondern aufscheinen läßt, wie oft auch und gerade der Schlager den Weg zur Wahrheit einschlägt.

Das mir liebste Stück ist jedoch das Schlußstück, die Ballade „Kugel im Colt“. Obgleich sie in Hamburg-Eidelstedt, in Ottos Rüssl-Stucio, aufgenommen wurde, ist sie in ihrem Tonfall und in ihrer Atmung so amerikanisch wie kein anderes Lied aus dem neu-alten Land „Udopia“.

Werner Burkhardt