Von Gabriele Venzky

Bangkok, im April

Äußerlich scheint Thailand zum Normalzustand zurückgekehrt. Der Premierminister und Oberbefehlshaber der Armee, General Prem, residiert wieder in seinem Amtssitz in Bangkok, die Anführer des gescheiterten Umsturzes sind – unter offiziellem Geleitschutz – ins Ausland "geflüchtet". Doch der äußere Schein trügt. Der Militärputsch, der vergangene Woche die Hauptstadt für zwei endlos lange Tage und Nächte in Unruhe und Unsicherheit versetzte, war weit mehr als ein schlechter Aprilscherz. Diesmal ist es unmöglich, wie sonst nach einem der in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Coups zur Tagesordnung überzugehen.

Denn zum erstenmal seit dem Ende der absoluten Monarchie im Jahre 1932 hat das Militär nicht geschlossen gehandelt. Die Armee hat sich gespalten, schlimmer noch: Ein Teil der Truppe hat sich gegen ihren Oberbefehlshaber gewandt. Das ist noch nie vorgekommen.

Zum erstenmal hat aber auch der Monarch offen Stellung bezogen. Zusammen mit Prem flüchtete die gesamte königliche Familie in ein Armeehauptquartier in der Provinz. Von dort aus verlas die Königin eine Botschaft über den Rundfunk und verurteilte den Putsch. Zwar ist Thailands König gemäß der Verfassung, nur eine Repräsentationsfigur. Doch die gottähnliche Verehrung, die ihm und seiner Familie nach wie vor zuteil wird, weist deutlich darauf hin, daß er für die Bevölkerung weit mehr ist als nur ein machtloses Staatsoberhaupt: König Bhumipol ist die höchste moralische Instanz im Lande, die niemand zu übergehen wagt.

Noch ein drittes neues Element ist in dem jüngsten Staatsstreich offenbar geworden. Zum erstenmal wurde der Machtkampf nicht auf der obersten Ebene ausgetragen, traten nicht Generäle gegen Generäle an. In der vorigen Woche versuchte, mit einem General als Galionsfigur an der Spitze, die Generation der Mittvierziger und Obristen den Aufstand. In einem Land, in dem der Respekt vor Krone und älteren Vorgesetzten für jedermann oberstes Gebot ist, war ein solcher Schritt kaum vorstellbar.

Schließlich hat der Putsch vor aller Welt die Instabilität des kleinen Landes offenbart, das verzweifelt versucht, nicht zwischen den Mühlsteinen China und Sowjetunion (und Moskaus Alliierten Vietnam) zerrieben zu werden. Weit über 100 000 Kambodscha-Flüchtlinge halten sich immer noch im Land auf, und von hüben und drüben der unruhigen Grenze im Osten operieren nach wie vor die von China unterstützten Ebner Rouge.