Von Gesine Froese

Aus der Windschutzscheibensicht des Autofahrers, der nach einer einstündigen Zwangsfahrpause die Fähre bei Rødbyhavn verlassen hat und nun auf der Vogelfluglinie nach Kopenhagen weiterfährt, rauscht Lolland wie ein Film mit wenig einladenden Bildern vorbei: Felder links und rechts, halbfertige Reihenhaussiedlungen, eine Fabrik, Telegraphenmasten satt, ein „Euro-Motel“, dann Guldborg, der Straße nach eine eher alltägliche Kleinstadt, und schließlich schon, nach höchstens 25 Minuten Fahrt, das Ende, die Guldborgsundbrücke nach Falster.

Wer den Kopf von Kopenhagen voll hat, wird als motorisierter Passant kaum die schöne alte, hellrot-verwaschene Kirche wahrnehmen, die wie ein flüchtiges Signal dafür, daß Lolland durchaus mehr zu bieten hat, auftaucht und wieder verschwindet.

Lolland, Dänemarks südlichste Insel, mit ihren 1241 Quadratkilometern etwa zweimal so groß wie Bornholm, lockt nicht mit Sensationen: nirgendwo Traumstrände, Trubelorte oder „atemberaubende Landschaft“. Lollands Geheimnis ist, daß es die meisten Besucher nur durcheilen. So ist der provinziell-dörfliche Charakter unverfälscht geblieben, das ackerüberzogene flache, höchstens hügelige Inselinnere ländlich und die Küste mit ihren schmalen Sand-Kiesel-Stränden wild und urwüchsig.

Trotzdem werben die Fremdenverkehrsleute mit Superlativen, ganz so, als schämten sie sich des sympathischen Mittelmaßes. Die Renner der Inseltouristik sind freilich wenig Lolland-typisch. Es sind Sehenswürdigkeiten ohne besonderen lokalen Bezug, zugkräftige Kurzweil für Wochenendausflügler aus Dänemark und Deutschland, für Butterfahrten-Anleger oder für Kopenhagenfahrer mit Zeit für einen Abstecher.

Ganz vorn, auf der Hitliste steht der „Knuthenborg-Safari-Park“ des Lehnsgrafen Adam W. Knuth. Der rund 600 Hektar große wald- und lichtungsreiche Grundbesitz, auf dem sich jetzt Giraffen, Büffel und Elefanten tummeln, liegt nur eine halbe Stunde von der E 4, der Vogelfluglinie nach Kopenhagen, entfernt, die Lolland diagonal in zwei ungleiche Teile schneidet. Man fährt Abfahrt Maribo, Richtung Bandholm, und schon bald begleitet einen rechter Hand eine halbhohe, alte steinerne Mauer, die fortlaufend mit Spitzen bewehrt ist. Bevor man nun durchs herrschaftlich große, schmiedeeiserne Tor in den Park einfährt, lohnt ein kleiner Abstecher in den Hafen von Bandholm. Heute ist er vor allem beliebter Anlegeplatz für Segler. Etliche alte, teils merkwürdig klotzige, zweckmäßig-schöne Speichergebäude von 1840 bis 1880 zeugen noch von früherer kaufmännischer Geschäftigkeit.

Die zweite Touristenattraktion liegt genau diagonal entgegengesetzt vom Knuthenborg-Park im Südosten bei Nysted, dem schönsten Hafenstädtchen Lollands: mit bunten, in den sanften Hang gebauten Häuschen, die sich in ihrer erdigen Farbigkeit von Ochsenblut und Ocker, Grün und Dunkelblau kontrastreich vom blauen Himmel abheben.