Als ich das letzte Mal in Frankfurt war, wurde noch daran gebaut: Motorsägen kreischten, Bulldozzer schoben die rote Erde zu neuen Terrassen und Abhängen, vom Flughafenzug aus sah man Waldarbeiter: die Axt schwingen. Jetzt ist sie fertig, die neue Autobahn vom Flughafen fast ins Zentrum. Es ist Samstagnachmittag, im Waldstadion spielt die Eintracht gegen Köln. Auf verstopften Straßen hat es früher manchmal eine ganze Stunde gedauert, bis man im Hotel war. Jetzt rasen wir durch den Stadtwald, der wieder um ein paar Quadratkilometer kleiner geworden ist. Ich bin empört über den Waldfrevel. Ich bin glücklich über den Zeitgewinn.

Ich blättere in dem Band mit Dramen von Tschechow und höre schon das „dumpfe Schlagen der Äxte auf das Holz der Bäume“; so wird in acht Stunden die Premiere enden der letzten, im Todesjahr des russischen Dramatikers, 1904, uraufgeführten Komödie: „Der Kirschguten“. Der Kaufmann Lopachin, dessen Großvater, dessen Vater noch als leibeigene Sklaven auf dem großen Gut gearbeitet haben, hat den Besitz der verarmten Herrschaft aufgekauft und macht seine Drohung wahr: „Man müßte den Kirschgarten so aufteilen, daß Villenparzellen entstünden, die man verpachten könnte Damals haben die Erben protestiert: „Sogar im Konversationslexikon wird unser Kirschgarten erwähnt. Wenn es im ganzen Gouvernement etwas gibt, was wirklich sehenswert ist und bemerkenswert, dann ist es unser Kirschgarten.“ Für Lopachin kein Argument: der Garten mag zur Blüte noch so schön sein – „Kirschen trägt er nur alle zwei Jahre, er müßte abgeholzt werden“.

Hat der Mediziner Tschechow, der sich selber nicht helfen konnte und mit 44 Jahren im Schwarzwälder Kurort Badenweiler an Lungentuberkulose gestorben ist, nicht immer für die Bäume, den Wald, die Natur, das in Jahrhunderten gewachsene Schöne – wenn auch nicht immer in Geldeswert zu Taxierende – gekämpft? In „Drei Schwestern“ ist es die aus kleinen Verhältnissen stammende Schwägerin, die ins alte Herrenhaus kommt und die neue Zeit mit dem Todesurteil für die schönen Bäume beginnen läßt: „Ich werde vor allem diese Tannen alle abholzen lassen und dann noch den Ahorn hier.“ In „Onkel Vanja“ ist es ein Berufskollege Tschechows, der Landarzt, der „sich sehr darum sorgt, daß die alten Wälder nicht ganz ausgerottet werden“, der gegen die skrupellos gewinnsüchtige Ausbeutung der Naturschätze kämpft, aber schon 1896 resigniert; „Zerstört ist bereits fast alles, doch an seiner Statt ist nichts Neues erschaffen.“

Zerstört ist fast alles? Auf jeden Fall die Telephonzellen rund um das Theater. Wo die Telefonhörer nicht abgerissen sind, stecken die Automaten am Samstagabend bis oben hin voll Geld. Nachdem ich in drei Apparate meine letzten Zehner gesteckt habe, die nicht mehr zurückkommen, aber auch keine Verbindung herstellen, wage ich einen der Türschließer zu fragen, ob man nicht vom Theater aus... Von seinen Verwünschungen begleitet, eile ich wieder auf die Straße.

Zerstört fast alles, schon die Menschen? In der Schlange vor der Kasse höre ich von Plänen, diesmal der Schauspieler, ihr Theater am Premierenabend zu „besetzen“, aus Protest gegen die fristlose Kündigung von drei Mitgliedern des Ensembles. An der Kasse: keine Karte. Aber doch, wir haben wie immer telephonisch bestellt. Und die versprochenen Photos? Ei, mer hawwe nix, des sehn Se doch. Nein, auch keine Kaufkarte. Und wieder fast ein Nervenzusammenbruch, als ich die Frage nicht unterdrücken kann, ob hier überhaupt noch etwas klappe. Ein freundlicher Kollege vom Hessischen Rundfunk schleust mich mit seiner zweiten Karte in den Saal: halbleere Reihen, an einem Premierenabend.

Zerstört ist bereits fast alles, auch das Theater als Raum. Der brutale Glaskasten des Frankfurter Theaters mag noch so häßlich, die riesige Bühne des Schauspiels als „unbespielbar“ gelten (ich habe einige gute Aufführungen dort gesehen): der Zuschauerraum, im Halbrund sanft ansteigend, hatte mit seinen komfortablen Klappsesseln aus blauem Stoff, mit den Lämpchen in den hohen Rückenlehnen fast elegante Bequemlichkeit. Nichts davon ist geblieben. Auf den Treppenstufen abgewetzte Sessel-Skelette, die sich während der dreistündigen Aufführung als Folterstühle erweisen.

Zerstört bereits fast alles, fast auch das Ensemble. Wie soll eine Truppe unter solchen Belastungen probieren, spielen: die Direktoren miteinander verkracht, die Dramaturgen (bis auf einen) davongelaufen, drei Mitglieder des Ensembles fristlos entlassen, Kleinkrieg von Intrigen in Vollversammlungen, wo Energie und Phantasie, die man auf der Bühne sehen möchte, versickern.

Johannes Schaafs Inszenierung, vor einer Woche verschoben, jetzt findet sie statt: Menschen auf der Bühne, die in keine Beziehung zueinander kommen. Aber es ist nicht jene Trauer, die eine der Frauen klagen läßt: „Und wenn man noch so große Lust verspürte, mit jemand zu sprechen, niemand ist da ...“ Es ist jene Kälte, die aufkommt, wenn Schauspieler nebeneinander agieren, nicht mehr mitspielen, wenn sie nicht dran sind.

Eine spürt rasch das Manko des Premierenabends, die Virtuosin auf der Bühne, Rosemarie Fendel als Gutsbesitzerin. Sie tänzelt und fegt – in viel zu kostbaren, modisch eleganten Kostümen – über die Bühne. Sie girrt und schluchzt. Man staunt, man möchte ihr auch ein Tränentüchlein reichen – eben, weil man ganz sicher ist, es an diesem Abend selber nicht zu brauchen. Als ihr lebensuntüchtiger Bruder steht ein Trumm von Mann auf der Bühne: Werner Rundshagen. Der soll Selbstgespräche führen, Reden an einen alten Schrank halten, jeden Morgen zur falschen Hose die falsche Jacke anziehen? Nie wird die Besetzung gegen die Rolle für die Charakterisierung der Figur genutzt. Spielt da einer den starken Kerl, im hinter der prächtigen Fassade Lebensleid verstecken zu können? In Frankfurt sieht und hört man einen Menschen, der lauter. Sätze sagt, die nicht zu ihm passen – ohne daß die Gestalt dadurch rätselhaft oder auch nur interessant würde.

Dies gelingt allein einer Schauspielerin, Susanne Granzer, der man voll Angst zuschaut – Angst um ihre tapfere Varja, Angst, die man plötzlich als die eigene erkennt. Da hält eine junge Frau, Pflegetochter im Haus, das Gut und die Familie zusammen, weil sie als einzige nicht redet, sondern schafft – und sich in dieser Rastlosigkeit um ihr Glück bringt.

Sonst gilt für die Aufführung, vorerst noch, der Seufzer des alten Dieners Firs, der im Abbruchhaus eingeschlossen wird und den Bruno Hübner mit der gebrechlichen Kraft eines Mannes spielt, der Tschechows Wünsche an die Figur erfüllt – bis hin wohl zu der Altersangabe: „ein Greis von 87 Jahren“: „Es will nicht mehr so recht.“

Wieviel ist zerstört? Man kommt aus dem Theater – und wird erschlagen von den Hochhaustürmen der Banken ringsum, einer häßlicher als der andere. Was war noch das Trümmergrundstück gegenüber dem Theater jahrelang schön im Vergleich zu der Gewalt, die von diesen menschenfeindlichen Bauten ausgeht. Woher die Kraft. nehmen, hier Theater zu spielen? Wie ein Schrei die auf eine der Mauern gesprühte, verzweifelte: Losung: „Zusammenschlagen. Alles.“

Rolf Michaelis