Von Ulrich Greiner

Es gab eine Zeit in Deutschland, da schien alles möglich. Die Kriegsgewinnler konnten ihrer Gewinne nicht sicher sein, die Nazis versteckten sich noch, die Karrieristen suchten den Wind, in dem sie sich biegen konnten, die Parteien sammelten sich erst und glaubten noch an ihre Programme, die Bäuche waren leer und die Köpfe verwirrt vom Bombenkrieg. Es war die Stunde Null, kurz, bevor es wieder losging in einer neuen, einer renovierten, einer restaurierten Ordnung.

„Flieger waren über der Stadt, Unheil kündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donher, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.“

So beginnt Wolfgang Koeppens 1951 veröffentlichter Roman „Tauben im Gras“. So beginnt Thomas Braschs erster Film „Engel aus Eisen“. Die Engel aus Eisen, das sind die Flugzeuge der Amerikaner über Berlin. Nicht Bomben bringen sie, sondern Brot. Mehr als tausend Maschinen täglich bilden eine Luftbrücke, über die der Nachschub für die vom Westen abgeschnittene Stadt kommt.

Es gab eine Zeit in Deutschland, da herrschte Chaos. Im Chaos ist sich jeder selbst der Nächste, er sieht, wo er bleibt, er gräbt sich seine Startlöcher selber. Das ist die Stunde der Gewitzten, der Lebenshungrigen, die groß werden wollen; und jeder kann groß werden im Chaos. Groß werden will Werner Gladow in Berlin. Er ist 17 Jahre alt und Al Capone sein Vorbild. Wie dieser will er eine Stadt beherrschen. Zusammen mit einer jugendlichen Bande überfällt er Juweliergeschäfte am hellen Tag, nachts entwaffnet er in tollkühnen Überraschungsangriffen Polizeiposten. Am 10. Dezember 1950 wird er hingerichtet.

Groß werden will auch Gustav Völpel. Er ist 47 Jahre alt, von Beruf Henker. Zwischen 1946 und 1948 köpft er 48 Menschen im Auftrag der Justiz, im Westen Berlins mit dem Fallbeil, im Osten mit dem Handbeil, zum Lohn von tausend Mark pro Kopf. Völpel lernt Gladow kennen und macht gemeinsame Sache mit ihm. Er ist der Hehler und Anstifter. Als er genug Geld hat, um die Stadt und sein Handwerk hinter sich zu lassen, wird er verhaftet und abgeurteilt.

Der Schriftsteller Thomas Brasch, 1945 als Sohn von Emigranten in England geboren, ging in Ost-Berlin zur Schule und hörte von den Erwachsenen die Legende von Gladow, dem Al Capone Berlins. Am Ende seines Films, als Werner Gladow, der sich in seinem Keller verbarrikadiert hat, von der Polizei herausgeschossen, verwundet und auf die Straße geschleppt wird, sammelt sich eine wütende Menschenmenge vor dem Haus und skandiert „Berlin ist nicht Chicago, Berlin ist nicht Chicago“.