Daß das Wandern nicht mehr des Müllers Lust ist, hat sich längst herumgesprochen. Denn natürlich fährt auch der moderne Müller Auto wie alle anderen. Die Verhältnisse sind nun einmal so. Daß diese Verhältnisse aber den Nachteil haben, die PS-Leistung des herzeigenen Motors der Menschen bis zur Selbstgefährdung herabzusetzen, wird allenthalben mit Besorgnis registriert. Und so ist sie also wieder da, die gute alte Empfehlung, die Johann Gottfried Seume schon vor rund 200 Jahren niederschrieb: „Vieles ginge besser, wenn man mehr ginge.“

Also bitte, sagte sich Gerhard Eckert, und wanderte uns etwas vor, kreuz und quer durch Ostfriesland. Hundert Touren sind dabei herausgekommen, zum Nachwandern empfohlen und nachgezeichnet: in Skizzen, Kurz-Informationen und Wegweiser-Texten, die ohne Atemnot zu lesen sind.

Kompass-Wanderführer „Ostfriesland“ von Gerhard Eckert, Format 11,5 x 20, 220 Seiten, 16,80 DM, Deutscher Wanderverlag Dr. Mair, Schnabel & Co., Stuttgart

Dies ist also ein Büchlein, das man während des Wanderns in die Hand nehmen sollte, um nicht auf Abwege zu geraten. Wir nehmen uns die Wanderroute 8 vor: „Über Greetsiels Deiche“.

Greetsiel ist eine kleine Stadt an der Leybucht, mit alten, geduckten Häusern, engen Gassen und vielen Windmühlen. Im Hafen dümpeln die Kutter der Krabbenfischer. Die salzige Brise kommt steif aus Westen, von der See her.

In der „Anmerkung“ für diese Route heißt es im „Kompass-Wanderführer“: „Für diese Deichwanderung ist gutes Wetter mit Fernsicht ratsam.“ – Die Fernsicht ist hervorragend an diesem Apriltag; aber was ist ein gutes Wetter? Es pustet uns hart um die Ohren, als wir den Wagenverlassen. Wir haben einen Parkplatz am Hafen gefunden. Ohne Pudelmütze wagt man sich nicht auf den Deich, so kalt ist es.

Tourenlänge „acht Kilometer“, Wanderzeit „zwei Stunden“, wird uns im „Kompass-Wanderführer“ angekündigt. Acht Kilometer in zwei Stunden – wir haben feste Turnschuhe an den Füßen –, das ist ein Wort. Aber die Probleme, den Zeitplan einzuhalten, beginnen schon nach wenigen Metern, am Sportplatz. Tourenbeschreibung: „Vom Hafen wandern wir zum Sportplatz und auf seiner Höhe über eine Steintreppe zum Deich.“ – Der vermaledeite Sportplatz hält uns auf: Zwei Schülermannschaften spielen Fußball. Das muß man gesehen haben. Eine Viertelstunde Aufenthalt. Den Fußballfan hat der „Wanderführer“ natürlich nicht einkalkuliert.