Wie wird ein Mensch zum Attentäter, der seine Waffe auf Präsidenten und Päpste richtet? Die meisten Anschläge sind nur scheinbar politisch motiviert: Die Tat wird zur

Den Täter treiben Neid und Ruhmsucht

Von Dieter E. Zimmer

Wenig ist bisher bekannt über den Mann, der am 13. Mai auf dem Petersplatz eine Browning zog und den Papst dreimal traf. Mehmet Ali Agca ist Türke, ein Bauernsohn aus Anatolien, 23 Jahre alt. Möglicherweise gehört er der rechtsextremen türkischen Terrororganisation der „Grauen Wölfe“ an; er selber sagt, er sei ein Linker. Im Februar 1979 erschoß er in Istanbul auf offener Straße den Chefredakteur der linksliberalen Zeitung Milliyet. Er wurde gefaßt und zum Tode verurteilt.

Gesinnungsgenossen unter den Sicherheitsbeamten verhalfen ihm zur Flucht aus dem Militärgefängnis Kartal ins Ausland; vermutlich haben ihn die Grauen Wölfe“ seither unterstützt. Im Gefängnis hinterließ er – es war kurz vor dem Besuch von Johannes Paul II. in der Türkei – eine Botschaft, die gelobte, den Papst zu töten. An die Zeitung Milliyet schrieb er, der Papst sei ein „als religiöser Führer getarnter Kreuzzugsbefehlshaber“ der antiarabischen „westlichen Imperialisten“. Der römischen Polizei soll er unter anderem erklärt haben, sein Attentat sei ein „Protest gegen den Imperialismus der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten, gegen den Völkermord, den sie in El Salvador und Afghanistan begehen“.

Nach dem Tod des Vaters hat er zunächst als Wasserverkäufer den Lebensunterhalt der Familie verdient. Seine Mutter sagte, er sei nervös und sonderbar gewesen, habe oft gestottert und Ohnmachtsanfälle gehabt. Die römische Polizei hält „Größenwahn“ für sein Motiv. Aus „Mißtrauen“ soll er mehrere Morde begangen haben.

Es ist wie bei den meisten Attentaten: Die Begründung ist wirr und wahnhaft. Sie erklärt die Tat keineswegs, sie verdunkelt sie eher. Kein Mensch außer dem Attentäter und seinen eventuellen Helfern sieht die Gründe ein, hält die Tat für geeignet, irgendwelche einsehbaren politischen Folgen zu bewirken. „Rationale“, also eindeutig politisch motivierte Anschläge sind eher die Ausnahme: Brutus, die Zarenmörder des 19. Jahrhunderts, Georg Elser, der 1939 im Bürgerbräukeller Hitler in die Luft zu sprengen versuchte, und die Verschwörer des 20. Juli. Auch ein Attentat wie das, dem 1980 der nicaraguanische Diktator Somoza in Asunción zum Opfer fiel, gibt kein solches Rätsel auf: Ein verhaßter Tyrann wurde von politischen Gegnern hingerichtet. Doch für die meisten scheinbar politischen Attentate ist gerade dies kennzeichnend; Nach politischen Maßstäben, sogar denen des Täters selbst, sind sie sinnlos. Die Erschütterung über die Tat erhält ihre besondere Qualität durch ihre Absurdität: Weit und breit ist kein zureichender Grund in Sicht.

Wir helfen uns aus der Verlegenheit, indem wir den Attentäter einen „Irren“ oder einen „Fanatiker“ oder einen „Sadisten“ nennen. Solche Etikette sagen wenig, und sie schneiden leicht alle notwendigen weiteren Fragen ab. Außerdem stimmen sie oft nur bedingt oder gar nicht. Zwar bescheinigen Psychiater in den Prozessen gegen die Attentäter diesen im nachhinein häufig verminderte Zurechnungsfähigkeit; meist sind es paranoid-schizophrene Züge, aber keiner ist vor seiner Tat für geisteskrank gehalten worden. Eine gewalttätige Vergangenheit hatten die wenigsten: John F. Kennedys Mörder hatte einmal auf einen General geschossen, Martin Luther Kings Mörder war ein mittelmäßiger Krimineller gewesen; Agca hat wohl mindestens den Redakteur Ipekci auf dem Gewissen. Doch der typische Attentäter ist seiner Umwelt vorher nie als besonders aggressiv aufgefallen.

Die menschliche Seele ist zu dunkel, als daß jemand behaupten könnte, er wüßte genau, was jemanden zum Attentäter macht. Auch hat man hinterher gut reden. Es ist eine Sache, nach einer Tat zu erkennen, welche Bedingungen sie – wie es nun scheint: zwangsläufig – erklären. Etwas ganz anderes ist es, vorherzusagen, daß irgendwelche Gründe mit Sicherheit zu einer bestimmten Tat führen werden. Von den subtilen Faktoren, die sich akkumulieren und potenzieren, bis einer der vielen Kandidaten am Ende tatsächlich die Pistole zieht, wissen wir nichts.

Nur: Den Attentats-Kandidaten können wir uns ungefähr beschreiben, und sein Phantombild erschreckt uns: So unähnlich ist er dem oder jenem unserer Bekannten und vielleicht uns selber nicht. „Wir können uns in den verrücktesten Menschen, den niederträchtigsten Verbrechern, den radikalsten Revolutionären, den größten Genies wiedererkennen, wenn wir verstanden haben, daß Charakterzüge, die in uns selber vorhanden sind, selektiv entwickelt, nämlich verkümmert oder ausgewuchert, auch in den scheinbar so ganz anderen vorhanden sind“, schrieb Lawrence Z. Freedman, Psychiater und Verhaltenspathologe an der Universität Chicago. „Diese großen Verbrechen werden nie aus bewußt böser Absicht begangen. Der Täter sieht sich als Instrument der Gerechtigkeit... Der Attentäter ist einer, der sein privates Elend politisiert hat.“

Am 30. März-schoß in Washington der 25jährige John Warnock Hinckley Jr. auf Präsident Reagan. Er ist aufgewachsen im „Sonnengürtel“, in Oklahoma und Texas; der Vater ist ein Ölingenieur, der eine florierende eigene Firma aufgebaut hat. Eine „tadellose christliche Familie“ nannten Bekannte die Seinen: frommes, mustergültiges amerikanisches Bürgertum, wo es scheinbar am heilsten ist.

Noch in der Highschool verhielt sich der gutaussehende, blonde, blauäugige Hinckley so gesellig und sportlich, wie man das von seinesgleichen erwartet. Möglicherweise spielte er diese Rolle mit wachsender Erbitterung, denn er stand ganz im Schatten seines älteren Bruders, der als Manager in die väterliche Firma eintrat, und vor allem seiner alteren Schwester, einer strahlenden Highschool-Schönheit: Als cheerleader ihrer Klasse war sie „ever so populär“ – so beliebt, wie es ihr kleiner Bruder nie sein konnte. Kaum war er der Universität und dieser Kindheitsumwelt entrückt, muß etwas mit ihm vorgegangen sein. Er wechselte mehrfach seine Fächer, brachte kein Studium zu Ende, hatte weder Freund noch Freundin und keine Interessen außer für Hitler und Auschwitz.

Mitstudenten erinnern sich seiner höchstens als an ein „ausdrucksloses Nichts“. Ein Versuch, „Hollywood zu erobern“, endet in tiefster Schäbigkeit. Ziellos driftet er durchs Land. Die Nazipartei wirft ihn hinaus. Er schwärmt für das pummelige Teenage-Starlet Jody Foster, die im Film „Taxi Driver“ eine jugendliche Nutte spielte, schreibt ihr verliebte Briefe, ruft sie an, lauert ihr auf.

In Scorseses Film hätte das Asphaltwrack, der Taxifahrer, den Robert de Niro spielte, sie durch die Ermordung eines Präsidentschaftskandidaten beeindrucken wollen. Hinckley brachte er damit auf seine Idee: Um Miss Foster durch eine „historische Tat“ zu importieren und so ihr „Herz zu gewinnen“, werde er „Reagan erledigen“, schrieb er ihr in einem nicht abgeschickten Brief. Sein Psychogramm ähnelt sehr dem des frustrierten, impotenten Arthur Bremer, der sechsmal vergeblich Präsident Nixon auflauerte und schließlich am 15. Mai 1972 Gouverneur George Wallace schwer verwundete.

Am 8. Dezember 1980. tötete der 25jährige Mark David Chapman: in Manhattan mit fünf Pistolenschüssen John Lennon. Seit seiner Kindheit war er Beatles-Fan. Seine Verehrung für Lennon ging so weit, daß er wie dieser eine um Jahre ältere Japanerin heiratete. In gewisser Weise muß er sich selber für einen zweiten Lennon gehalten haben; vor seinem Aufbruch nach New York verabschiedete er sich von seinem letzten Job als Wachmann in Hawaii mit der Unterschrift „John Lennon“.

In einer Erklärung, die er später der Polizei übergab, identifizierte er sich noch mit jemand anderem: mit dem „Fänger im Roggen“, J. D. Salingers Romanfigur, einem Jungen, der auf der Suche nach Gesprächen und Mitmenschlichkeit durch New York streunt und hinter den krassen Verwünschungen auf seine kalte Umwelt nach Wärme hungert. Als Sozialarbeiter für den Christlichen Verein Junger Männer war Chapman selber für einige Zeit solch ein „Fänger im Roggen“, ein Beschützer der Schwachen gewesen. Chapmans Eltern regierten die Familie mit strenger Disziplin, mit 14 lief er zum erstenmal fort, nahm LSD, wurde Jesus-Freak, versagte im Studium, machte zwei Selbstmordversuche. „Ein unglaublich feindseliges Individuum“ nennt ihn einer seiner letzten Nachbarn.

Am 5. Juni 1968 erschoß der 24jährige Sirhan Bishera Sirhan im Ambassador Hotel von Los Angeles den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy. Er habe den Senator „wie einen Heiligen“ geliebt, erklärte er später, bis er in einer Fernsehsendung dessen pro-israelische Einstellung bemerkt hätte. Sirhans Familie, christliche Araber aus Jerusalem, war 1956 in die USA gekommen. Als Kind hatte er die Grausamkeiten der israelisch-arabischen Kämpfe miterlebt und die Juden hassen gelernt. „Ich habe es für mein Land getan“, sagte, er nach dem Attentat; er meinte Palästina.

Seine Mutter wurde als liebevolle, aber engstirnige und strenge Fraü beschrieben. Sein Vater fühlte sich in Amerika nicht wie zu Hause respektiert und ließ es an seiner Familie aus: Er prügelte Sirhan mit Stöcken, Fäusten und dem Gartenschlauch, drückte ihm ein heißes Eisen in die Ferse. Sirhan war ein Einzelgänger. Er fürchtete den Vorwurf, schwächlich und unmännlich zu sein. Anderen Männern fühlte er sich unterlegen. Auf dem College versagte er. Er wollte Jockey werden und brachte es nur zum Pferdeknecht. Dann war er arbeitslos. Zuletzt fand er einen Job in einem Reformhaus. Dessen Besitzer meinte später: „Im Grunde, meine ich, hat er sich für einen großen Mann gehalten, und er ist ein Underdog gewesen.“ Fast ein Jahrzehnt später, noch immer in Haft, sagte Sirhan einer Reporterin der Washington Post: „Jeder braucht Wurzeln? Wo zum Teufel ist meine Heimat? Wo sind meine Wurzeln?“

Am 4. April 1968 erschoß James Earl Ray im Lorraine Motel von Memphis den schwarzen Bürgerrechtler und Pfarrer Martin Luther King – ausnahmsweise nicht mit einer Pistole, sondern mit einem Gewehr der Marke Remington. Auch sonst war Ray ein untypischer Attentäter: Er war bei seiner Tat schon 40, hatte eine zehnjährige kriminelle Karriere hinter sich, und er konnte nach dem Mord entkommen. Erst zwei Monate später wurde er auf dem Londoner Flughafen Heathrow festgenommen. Vor allem die geheimnisvollen Mittel, die er bei seiner Flucht zur Verfügung hatte, haben, bis heute den Verdacht lebendig gehalten, daß er Hintermänner hatte, vielleicht der bezahlte Killer einer Verschwörer-Organisation war.

Er kam aus ärmlichsten mittelwestlichen, Verhältnissen. Seine Mutter war eine Trinkerin, die manchmal als Putzfrau arbeitete, ohne Liebe für ihre acht Kinder, sein Vater ein Schürzenjäger. Mit 16 hatte er ein Hitler-Bild in der Tasche, mit 26 wurde er zu einem glühenden McCarthy-Anhänger, von Kindheit an haßte er die Schwarzen. Er lebte von kleineren Raubüberfällen, Diebstählen, Fälschungen. Zeitweise wollte er sich als weißer Söldner nach Angola verdingen. Beschrieben wurde er als jemand ohne Freunde und ohne Geld, der gern männlich wirken wollte. Einmal suchte er einen Psychologen auf: Er wollte seine Unsicherheit und Schüchternheit überwinden. Als er schließlich zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt war, erzählte er Mithäftlingen, er wolle ausbrechen und vom dem Geld, das er, ein moderner Robin Hood, den Reichen abnähme, ein Waisenhaus finanzieren. Er brach wirklich aus – und erschoß King.

Am 22. November 1963 legte der 23jährige Lee Harvey Oswald in Dallas sein Zielfernrohr an und feuerte in die offene Limousine, in der John F. Kennedy durch die Straßen fuhr. Er tötete den Präsidenten; am Tag darauf wurde er selber von Jack Ruby, einem aufgebrachten Nachtklubbesitzer, erschossen. Seine Frau sagte später aus, er habe Kennedy immer bewundert und geliebt.

Oswald kam aus. kümmerlichen Verhältnissen. Sein Vater starb vor seiner Geburt. Mit drei gab ihn seine Mutter in ein Heim. Als er fünf war, heiratete sie wieder und holte ihn in die Familie zurück. In seiner Jugend wurde er einmal psychologisch untersucht; das Protokoll spricht von seinen niedrigen Selbstwertgefühl und von seiner Wat auf die Mutter, sie habe sich nie richtig um iha gekümmert. Sein Bruder ging zum Marinekorps. Er suchte es ihm gleichzutun, konnte sich aber durch nichts auszeichnen und ließ sich aus den harten Eliteverband entlassen.

Dann bekehrte er sich zum Marxismus, wurde Castro-Anhänger und ging 1959 in die Sowjetunion; er wollte Sowjetbürger werden, wurde aber abgewiesen und unternahm daraufhin einen Selbstmordversuch. Auch das erhoffte Studium in Moskau wurde ihm verweigert, und die Frau, die er heiraten wollte, wies ihn zurück. Er heiratete eine junge Minsker Pharmazeutin, kehrte mit ihr 1962 nach Amerika zurück, enttäuscht, daß keine Reporter ihn erwarteten. Er drohte damit, er werde Nixon erschießen, und schoß tatsächlich auf den pensionierten Generalmajor Walker, einen bekannten Kommunistenfresser. Schon bei den Marines galt er als „einsam, eigenbrotlerisch, voller Haß auf den Barras“. Jetzt war er arbeitslos oder Aushilfsarbeiter und wurde immer verbitterter und heftiger. In der Nacht vor dem Attentat versuchte er sich mit seiner Frau auszusöhnen; sie schickte ihn fort.

Läßt man diese und andere Attentäter-Biogriphien Revue passieren, so zeigt sich eine Reihe von Gemeinsamkeiten. In keiner von ihnen tritt der reine Tyrannenmörder hervor, wie ihn etwa der argentinische Dichter Jorge Luis Borges in einer Erzählung beschrieben hat: ein in seinem Arbeits- und seinem Liebesleben unauffälliger und zufriedener Mann, der in dem Präsidenten den Verräter und Verbrecher erkennt, der er ist, und kühl beschließt, daß er beseitigt werden müsse; Borges’ Arredondo bereitet sich asketisch auf seine Tat vor und setzt sie ruhig und lauteren Herzens ins Werk. So möchten die wirklichen Attentäter allenfalls gehandelt haben.

Es sind fast ausnahmslos Männer, Männer in ihren Zwanzigern, denen nichts Rechtes im Leben gelungen ist. Sie haben keinen Beruf. Sic gehören nirgends dazu. Ruhe- und ziellos sind sie umhergedriftet. Am stärksten fällt ihre eisige Einsamkeit auf. Sie sind Menschen von einer tiefen Beziehungsunfähigkeit. Alles andere als selbstbewußte, herrische Brutalos, sind sie eher unsicher und schüchtern und in ihrem Selbstgefühl von Grund auf beschädigt.

Der amerikanische Psychiater David Rothstein hat 1963, zur Zeit von Kennedys Ermordung, elf Häftlinge untersucht, die dem Präsidenten den Tod angedroht hatten. Er verglich ihre Psychogramme mit dem des Kennedy-Mörders Oswald, und dabei fielen ihm so viele Übereinstimmungen ins Auge, daß er schließlich von einer Krankheit namens „Präsidenten-Ermordungs-Syndrom“ sprach. Die Psychoanalyse würde vermuten, daß ein Mann, der den „Landesvater“ bedroht oder ermordet, verspätet seinen „ödipalen“ Konflikt mit dem eigenen Vater austrägt: Das Attentat stelle jenen Vatermord dar, den angeblich jeder drei- bis sechsjährige Junge begehen möchte. Rothstein dagegen stellte fest: Bei den meisten Patienten, wie auch bei Oswald, war die väterliche Autorität kein Problem gewesen; der Vater hatte kaum eine Rolle gespielt oder war gar nicht vorhanden gewesen.

„Das ursprünglichste und tiefste Problem stellte der Zorn auf das Mutterobjekt dar, erst später wurde er auf männliche Autoritäten verschoben“, schreibt Rothstein. Dies ist genau, was die nach und nach bestätigte Bindungstheorie des britischen Psychiaters John Bowlby erwarten läßt: Wer in seinen ersten Lebensjahren nicht die frag- und bedingungslose Liebe und Fürsorge einer festen Bezugsperson erfährt, wird lebenslange seelische Schäden davontragen. Er hat sich in den Jahren, die seinen Charakter prägten, selber nicht als jemanden erleben können, der um seiner selbst willen geliebt wird; die Wunde in seinem Selbstbewußtsein wird nie ganz vernarben. Der Entzug der Bindungsfigur hat den Geschädigten für sein Leben mit Haß, Feindseligkeit, Aggressivität, Mißtrauen aufgeladen. Die gestörte Mutterbeziehung hat ihm eingeprägt, daß es zu Menschen keine befriedigenden Beziehungen geben könne; vielleicht weiß er gar nicht, daß er sie überhaupt sucht. In seiner Beziehungsunfähigkeit gleicht er Camus’ motivlosem Mörder, dem chronisch „Fremden“ Meursault. Aber ungleich diesem ist er keineswegs gleichgültig, stumpf und empfindungslos; seine Niederlagen bereiten ihm unverminderten Schmerz, lassen ihn auf Rache sinnen.

Ein weiteres Element ist deutlich: der Neid. Oswald bewunderte John F. Kennedy, Sirhan liebte Robert Kennedy, Chapman schwärmte für Lennon, Hinckley war eifersüchtig auf den Erfolg seiner älteren Geschwister, Oswald auf seinen älteren Bruder bei den Marines. Der Schausp.eler John Wilkes Booth, der 1865 mit dem prahlerischen Ruf „Sie Semper tyrannis!“ und vorgeblich im Namen der im Bürgerkrieg unterlegenen Südstaaten-Konföderation Präsident Abraham Lincoln in einer Theaterloge erschoß, war neidisch auf die schauspielerischen Erfolge seines Vaters und seines älteren Bruders. Als man ihn eines Tages mit dem Triumph seines Bruders hänselte, soll er gesagt haben: „Wenn ich eines Tages abtrete, bin ich Amerikas berühmtester Mann.“

Was tut einer, der sich für einen Versager halten muß und nicht loskommt von seinen Phantasien persönlicher Größe? Wenn seine Vorstellungen den mörderischen Weg einschlagen, wird er nicht irgendeinen Rentner als Opfer ausersehen können. Nur eine spektakuläre, eine „historische Tat“ erfüllt den Zweck. Es muß ein ganz unerhörtes Verbrechen sein, wie das des Mörder? Charles Whitman, der 1966 auf den Turm der Universität von Texas stieg und von dort oben mit dem Gewehr 13 Passanten tötete und 31 verwundete.

oder das Opfer muß groß und berühmt sein. Ruhmsucht brachte den Griechen Herostrat dazu, im Jahre 356 eine der sieben Hauptattraktionen der antiken Welt in Brand zu stecken, den Artemis-Tempel in Ephesus. Herostrats Rechnung ging tatsächlich auf: Sein Name steht noch heute in jedem Lexikon.

Der typische Attentäter erträgt seine eigene Nichtigkeit nicht. Er heftet seinen Namen für alle Zeit an den eines Großen. Indem der Schwächling einen Mächtigen in der menschlichen Hierarchie umbringt, kann er sich für den Rausch eines Augenblicks der Phantasie hingeben, er sei dominanter und mächtiger als der, dessen Leben er nun in seiner Hand hält: Den Großen hat er ausgesucht, weil sein zugleich bewunderndes und gehässiges Gefühl, Neid genannt, ihn als Symbolfigur identifizieren konnte. „Eine patriotische Platitüde wurde erweitert“, schrieb Kurt Andersen zum Falle Hinckley in Time: „Vielleicht bringt es nicht jeder kleine Junge zum Präsidenten, aber um den Preis einer Pistole kann er Präsidentenmörder werden.“

Nicht alle kleinen Hinckleys werden es. Den Stoff, aus dem die Attentäter sind, gibt es millionenfach. Irgend etwas muß hinzutreten, wir wissen nicht was, zumindest eine spezielle Trübung des Realitätssinnes, jene Täuschung, die einem vormacht, die geplante Tat sei irgendwie groß und historisch – eben die „Politisierung“ des privaten Elends. Aber wir wissen auch: Wir sind umgeben von potentiellen Herostraten. Es sind jene, die verwinkelte Rachegedanken brüten, die bei schlechten Nachrichten triumphierend in sich hineinkichern, die verbittert vor sich hin brabbeln, mit steifer Schrift anonyme Drohbriefe krakeln, des Nachts wortlos ins Telephon keuchen.