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Graue Wölfe in der Bundesrepublik

Von Achmed Raschid

Mehmet Ali Agca, der Schütze von Rom, hat Beziehungen zu der rechtsradikalen „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP). Bonn betrachtet die türkische Organisation mit Sorge.

Am 25. Juni 1979 hatte Mehmet Ali Agca bei seiner ersten Vernehmung vor der türkischen Polizei in Istanbul nahezu die gleiche Erklärung abgegeben wie am 14. Mai 1981 vor der italienischen Polizei in Rom: „Ich bin weder links- noch rechtsgerichtet, ich bin ein individueller Terrorist. Die Tat habe ich auf eigene Faust geplant und begangen.“

Agcas Tat vom 1. Februar 1979 hatte den Chefredakteur der Zeitung Milliyet, den angesehendsten linksliberalen Journalisten der Türkei, Abdi Ipekci, das Leben gekostet. Fünf Monate später wurde der Todesschütze festgenommen. Trotz Agcas Aussage kamen die türkischen Untersuchungsbehörden damals zu der Erkenntnis, daß der Mord an dem einflußreichen Journalisten ein Komplott war, dessen Hintermänner zur rechtsgerichteten Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) gehörten.

Bestätigt wurde diese Erkenntnis durch das Beweismaterial. Agca hatte die Tatwaffe, eine Pistole, im Bezirksgebäude der MHP in Istanbul von einem militanten Mitglied dieser Partei, Mehmet Sener, erhalten. Ein weiteres radikales Parteimitglied, Yavuz Caylan, hatte den Mörder als Fahrer begleitet. Nach der Tat hatte Agca die Pistole Mehmet Sener zurückgegeben, der auf ihn wieder im Parteigebäude wartete. Vor und nach der Tat wurden große Geldsummen auf neueröffnete Konten auf den Namen Agcas überwiesen.

Bei der Gerichtsverhandlung in Istanbul – bei der Agca in allen Einzelheiten schilderte, wie er den Journalisten Ipekci getötet hatte, aber über seine Hintermänner schwieg – trat der damals 21 jährige Angeklagte sehr selbstsicher auf. Er stammt aus Ost-Anatolien, aus der Kreisstadt Hekimhany in der Provinz Malatya. Der Vater, ein einfacher Arbeiter, war 1967 gestorben. Für den Lebensunterhalt ihrer drei Kinder hatte die Mutter nur die bescheidene Rente ihres Mannes. Während Agcas Bruder und Schwester in Hekimhany zur Schule gingen, konnte die Mutter ihren ersten Sohn zum Studium nach Istanbul schicken. Dort ließ sich Agca an der wirtschaftlichen Fakultät einschreiben. Doch interessierte er sich bald mehr für die nationalistische Bewegung des Obersten Alparslan Türke?, deren Mitglieder sich als die „Grauen Wölfe“ bezeichnen. Photos aus dieser Zeit zeigen Agca mit Kameraden aus der örtlichen Bezirksorganisation der MHP.

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Alles spricht dafür, daß aus dieser Partei der Nationalistischen Bewegung auch jene Helfer kamen, die später Agcas Flucht aus der streng bewachten Garnison in Kartal-Istanbul ermöglichten. Der Mörder des prominenten Istanbuler Journalisten konnte in einer Soldatenuniform und mit einem Militärfahrzeug unbehelligt das Garnisonstor passieren. Nach seiner Flucht wurde er von Gesinnungsfreunden in mehreren Städten der Türkei versteckt und mit falschen Papieren versorgt. An die Zeitung Milliyet schrieb er einen Brief, in dem er drohte, den damals in die Türkei reisenden Papst zu töten. In dieser Zeit kamen zwei weitere Morde auf Agcas Konto, bevor er im Frühjahr 1980 die Türkei verließ. In Abwesenheit wurde er zum Tode verurteilt.

Wer aber sind die „Grauen Wölfe“, die für den ideologischen Wirrkopf Mehmet Ali Agca erst zu Vorbildern und dann zu Helfern wurden? „Wo es in der Welt einen Türken gibt, da fangen unsere natürlichen Grenzen an“, so hat es der heutige Führer der MHP, Alparslan Türkes, formuliert. Er sagte das schon im Jahre 194 als junger Offizier, nachdem er wegen pantürkistischer und rassistischer Aktionen von einem Militärgericht verhaftet worden war.

Das Zitat über die „natürlichen Grenzen“ der Türken wird in dem ideologischen Lehrbuch der Partei, Ülkücüye Notlar (Notizen an Idealisten), oft zitiert. Da es seit den siebziger Jahren in der Bundesrepublik nicht nur einen, sondern über eine Million Türken gibt, dehnte Türke? seine rechtsradikale Parteiorganisation auch auf cieses Land aus.

Einen Parteigenossen in Kempten, Necati Uygur, machte er 1972 zum Organisationsführer der MHP in der Bundesrepublik. Im April 1973 wurde die MHP in Kempten vereinsrechtlich gegründet, obwohl dies mit den Verfassungen der Bundesrepublik und der Türkei nicht in Einklang stand. Die Gründung der Partei in Kempten wurde 1978 vom dortigen Ordnungsamt bestätigt. In einem Schreiben auf Anfrage von amnesty international bezüglich der Aktivitäten der MHP heißt es: „Die Anmeldung der MHP erfolgte am 9. 4. 1973 und die Abmeldung am 28. 7. 1976. Weitergehende Auskünfte sind uns leider nicht möglich.“

Im Braunen Buch der türkischen Rechtsradikalen, das die Ideologie des Panturkismus umreißt,, werden die eisernen Bedingungen der Bewegung erklärt: „Disziplin in Worten, im Denken und in der Aktion heißt: sich dem Führer unterwerfen, dem Führer Folge leisten, auf ein Zeichen von ihm warten und die von ihm gefestigten Ziele schnell und zielgerichtet wie eine Kugel zu verwirklichen.“ Die Zeitschrift Devlet der MHP fordert: „Man muß die Straßen, erobern, bevor man den Staatsapparat erobern will.“

Die Straßen sind auf diesen Befehl hin erobert worden – nicht nur in der Türkei, sondern auch in der Bundesrepublik. Die militärische Staatsanwaltschaft in Ankara stellt in ihrer Anklageschrift gegen die MHP fest, daß sich heute in der Bundesrepublik 86 Vereine der „Grauen Wölfe“ mit rund 20 000 Mitgliedern befinden. Sie unterstehen der Dachorganisation „Türkfederation“. Die Anklageschrift umfaßt zwölf Aktenordner mit Dokumenten über die Auslandorganisation der MHP. Daraus geht hervor, daß zwischen der MHP und verschiedenen Auslandsorganisationen, also türkischen Idealistenvereinen, feste organische und finanzielle Bindungen bestehen, Die MHP, so die Anklageschrift, sei in der Bundesrepublik gesetzwidrigerweise organisiert. Obwohl die Parteiführung entsprechend Artikel 113 des türkischen Parteiengesetzes vom Verfassungsgericht verwarnt worden war, haben die leitenden Funktionäre unter Türke? die Auslandsorganisation der MHP nur auf dem Papier aufgelöst.

Nach der Verwarnung durch das Verfassungsgericht schrieb der Parteiführer Türke? 1976 an den Generalinspektor der MHP in der Bundesrepublik, Enver Altayli, unter anderem: „Nachdem sich unsere politische Organisation lawinenartig ausgeweitet hatte, haben die Henker der Gerechtigkeit durch dieses Urteil das Recht getötet. Doch wird es ihnen nicht gelingen, unsere nationalistische Bewegung einzudämmen. Ihr sollt Eure Aktivität nicht einstellen. Ich erwarte von Euch, das Ihr die Aufträge unserer Parteiführung weiter erfüllt. Das gilt vor allem für die finanzielle Unterstützung.“ Unter den Dokumenten der Staatsanwaltschaft befinden sich auch die privaten Kontonummern des Obersten Türkes bei führenden deutschen Banken.

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In einem Schreiben des heute steckbrieflich gesuchten Organisationschefs Serdar Celebi an Türke? heißt es: „Sehr geehrter Führer, wie Koranschulen in der Türkei, so gibt es, ähnliches in der Bundesrepublik Deutschland, islamische Kulturzentren. Diese Organisation untersteht der Führung von Kemal Kacar. Der hiesige Vorsitzende ist Harun Recit. Die Mehrzahl der Mitglieder der islamischen Kulturzentren sind gleichzeitig unsere Gesinnungsbrüder. Am 28. Juni 1979 habe ich mit Harun Recit gesprochen und in geschickter Gesprächsführung versucht, ihm zu erklären, daß wir 100 000 Mark brauchen. Sehr geehrter Herr Führer, wenn Sie das richtig finden und wenn Sie mit Kemal telephonieren, bin ich fest davon überzeugt, daß es klappen wird. Ich erwarte Eure Befehle. Euer Gnaden küsse ich die Hände. Ihr Sohn Serdar Celebi.“

In der Anklageschrift der militärischen Staatsanwaltschaft beim MHP-Prozeß werden die Millionensummen auf verschiedenen Bankkonten im In- und Ausland, vor allem in der Bundesrepublik, detailliert aufgezählt. Daran wird die Frage geknüpft: „Zu welchem Zweck und für welche Aktionen werden diese Millionensummen verwendet?“ Als Antwort verzeichnet die Anklageschrift ein Zitat der MHP: „Jedes Markstück ist eine Kugel.“

Präzisiert hat diesen Ausspruch der abgesprungene MHP-Mann Ali Yurtarslan: „Die Organisation schickt die Mitglieder, die wegen Terroranschläge gesucht werden, ins Ausland und finanziert deren Lebensunterhalt. Die sogenannte Rechtsabteilung, deren Leiter ich war, organisierte auch Ausbrüche aus Gefängnissen. Sie untersteht direkt der Parteizentrale. Fast jede Woche gab es ein Treffen mit dem Führer Türke?. Ich bin im Jahre 1978 mit einem Genossen nach Deutschland geschickt worden, um für unsere Mitglieder in den türkischen Gefängnissen Geld zu besorgen.“

Nach Angaben der Tageszeitung Gunaydin leben heute in der Bundesrepublik 21 türkische Terroristen, die steckbrieflich gesucht werden, unter falschen Namen. Zu ihnen gehört Mehmet Sener, der Agca bei seiner Mordtat am türkischen Journalisten Ipekci half. Das Oberlandesgericht in Stuttgart hatte bereits im September vorigen Jahres Haftbefehl gegen einen Asylanten Namens Mehmet Sener erlassen. Aber der daraufhin verhaftete Mehmet war ein falscher Mehmet. Der richtige wird zur Zeit von der römischen Polizei gesucht, weil er vermutlich auch bei dem Attentat auf den Papst dem Agca geholfen hat.

Auf das Konto der Grauen Wölfe und der Jugendorganisation der MHP kommen blutige Terroranschläge auch in der Bundesrepublik. Seit Jahren warnen DGB und viele SPD-Politiker vor den „Grauen Wölfen“ als einer nach SS-Vorbild organisierten Vereinigung.

Doch diese Meinung teilen nicht alle Sicherheitsorgane. Im letzen Jahr zum Beispiel ist ein Bericht des niedersächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz diskutiert worden, der die rechtsradikalen Aktivitäten türkischer Extremisten verharmloste und die Existenz der Grauen Wölfe schlicht in Abrede stellte. Wörtlich hieß es in diesem Bericht: „In der Bundesrepublik gibt es keine Grauen Wölfe als Organisation. Die gerade von Kommunisten betriebene Kampagne gegen Graue Wölfe richtet sich in Wahrheit gegen die antikommunistische, dabei aber westlich orientierte und gemäßigt islamisch ausgerichtete nationalistische Politik unter Türke?.“

Doch Hannover ist nicht Bonn. Und die Meinung des niedersächsischen Verfassungsschutzes nicht die der Bundesregierung. Der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium, Andreas von Schoeler, hat sich mehrfach besorgt über die Gewalttätigkeiten rechtsextremistischer türkischer Gruppen in der Bundesrepublik Deutschland geäußert.