Der österreichische Dichter Franz Nabl (1883–1974) hat diese Geschichte in dem Roman „Das Grab des Lebendigen“, einem „langen, aber guten Schundroman“ (Bondy), erzählt. Peter Handke hat schon vor Jahren auf Nabl aufmerksam gemacht, vielleicht ist Bondy so auf das Buch gekommen.

Am Anfang scheint der Film, mit seinem Drang ins Bedeutsame und Kostbare, selber ein Grab des Lebendigen zu werden. Doch dann beginnt Libgart Schwarz unaufhaltsam, nicht nur die Fluchtversuche der Familie Ortlieb, sondern auch die Kunstversuche des Regisseurs Bondy zu sabotieren.

Sie riskiert die größten Gebärden, die abgründigsten Blicke, den heftigsten Schmerz – aber anders als bei den Theater- und Kinoprimadonnen sind Auge, Stimme und Körper nicht in angenehmer Harmonie, alles wirkt zerrissen, asynchron: die Blicke passen nicht wirklich zu den Gesten, was sie sagt und was ihr Körper tut, meint in keinem Moment völlig dasselbe. Noch ihr bösestes Werk verrichtet sie mit einem kindlichunschuldsvollen Hochmut; und wie ein Kind fuchtelt sie durch die Luft, wenn sie erregt ist, und wie nur ein Kind kann sie Schmerzensgrimassen, Kummerfratzen schneiden. Sie vernichte: die ganze Familie; und ist in ihrer ungeschickten Anmut, ihrer unbeirrbaren Selbstgewißheit einer guten Fee doch weit ähnlicher als einem bösen Dämon.

Nein, Kino ist das nicht, was die große linkshändige Schauspielerin Libgart Schwarz da vorführt. So unauffällig schrill, so behutsam exzentrisch, so mondsüchtig rücksichtslos darf man sich vor einer Kamera eben nicht benehmen. Nein, Kino sind „Die Ortliebschen Frauen“ von Luc Bondy nicht – aber ein erster Film, der Lust macht auf den zweiten. Es ist nicht alles tot im Tal der toten Augen. Benjamin Henrichs