Nicht allein die Aktiva, sondern auch die Aktivitäten eines Verlages bestimmen letztlich seinen Stellenwert.“ Mit dieser nicht gerade neuen Erkenntnis versuchte im vergangenen Jahr Horst Benzing, der kaufmännische Leiter der Münchner (Buch-)Verlagsgruppe Bertelsmann, das Selbst- und Konzernbewußtsein der Mitarbeiter zu stärken. Erfolg freilich hatte er damit, wenn überhaupt, nicht lange. Ende letzter Woche wurde bekannt, daß in der bayrischen Dependance des zweitgrößten Medienkonzerns der Welt (Umsatz im Geschäftsjahr 1980/81 über fünf Milliarden Mark) zumindest vorerst wieder nur die Aktiva zählen.

Ulrich Wechsler, im Bertelsmann-Vorstand zuständig für das Verlagswesen, und sein Münchner Stellvertreter Olaf Paeschke entschlossen sich zu durchgreifenden Maßnahmen, um die Bilanzen zu verbessern. Auf unterschiedliche Art und Weise soll die Produktion gebundener Bücher (Hardcovers) – bisher etwa 130 Titel pro Jahr – künftig um durchschnittlich 35 Prozent gesenkt werden:

  • Im Blanvalet-Verlag, der erst 1975 von Lothar Blanvalet übernommen wurde und auf Unterhaltungsliteratur spezialisiert war, wird es keine Neuerscheinungen mehr geben; die Kinder- und Jugendbücher werden in das Programm des C. Bertelsmann-Verlags integriert.
  • Die Beteiligung an der F. G. Neuer Verlag Gruenwald GmbH, die Bertelsmann im März 1979 zusammen mit dem international arbeitenden Presseserien-Lieferanten Josef von Ferenczy für die Produktion von leichter Unterhaltung und populären Sachbüchern aufgebaut hatte, wurde an den Partner abgegeben; die nicht sehr zahlreichen Autorenrechte wurden übernommen.
  • Bei den verbleibenden aktiven Verlagen – C. Bertelsmann, Mosaik, Steinhausen, Knaus – soll die Zahl der Neuerscheinungen zwischen 20 und 50 Prozent reduziert werden; vor allem bei den Sachbüchern werden starke Abstriche gemacht. Ob der literarische Verlag’Steinhausen, 1978 als Ersatz für die von Bertelsmann zum Athenäum-Verlag wechselnde „Autoren-Edition“ gegründet und derzeit mit einem Defizit von knapp einer Million Mark belastet, die nächsten Jahre überleben wird, ist noch fraglich.

Für diese rigorosen Einsparungen werden verschiedene Gründe genannt. Nicht nur für Bertelsmann, sondern für alle Publikumsverlage, gilt, daß der Absatz von gebundenen Büchern wegen der gestiegenen Preise erheblich schwieriger geworden ist. Während bei den Ausgaben für Urlaub und sonstige Freizeitvergnügen kaum gespart wird, machen sich die höheren Belastungen der Bundesbürger – beispielsweise durch die gestiegenen Energiekosten – im Hardcover-Bereich stark bemerkbar. Ein Roman für 38,40 oder gar 42 Mark läßt sich nicht mehr so ohne weiteres verkaufen. Selbst der interessierte Leser wartet dann lieber auf die billigere Taschenbuchausgabe, die zwei Jahre später erscheint. Die Marktchancen von Sachbüchern belastet zusätzlich die Tatsache, daß diese Literaturgattung „sich zur Zeit im Markt außerordentlich schwer tut“ (Olaf Paeschke).

Nach Meinung von Paeschke halten außerdem die Einnahmen aus Nebenrechten für Taschenbuch-, Buchgemeinschafts- und Vorabdruckrechte nicht Schritt mit den steigenden Produktionskosten. Zwar würden von den Taschenbuchverlegern für Bestseller zum Teil enorme Summen gezahlt, nicht jedoch für weniger bekannte Namen. Zudem haben die Buchgemeinschaften, die ihre Mitgliederzahl in der Bundesrepublik nicht mehr vergrößern und Preiserhöhungen ebenfalls nur noch schwer durchsetzen können, die Nachfrage nach Rechten stark eingeschränkt. Statt wie früher 800 Neuerscheinungen werden von den Clubs heute nur noch 400 bis 500 Titel pro Jahr eingekauft.

Freilich haben wohl nicht nur die Entwicklung des Buchmarktes, sondern auch konzerninterne Überlegungen die Entscheidung der Münchner Manager beeinflußt. Am 1. Juli nämlich vollzieht sich in der Gütersloher Konzernspitze ein entscheidender Wandel: Reinhard Mohn, der Baumeister des multinationalen Unternehmens mit über 30 000 Mitarbeitern in 25 Ländern, räumt dann den Sessel des Vorstandsvorsitzenden für; Manfred Fischer, bisher Chef der Hamburger Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr. Bevor der neue Mann möglicherweise anfängt zu kehren, so mag man sich in München gedacht haben, hält man vorsorglich selber Hausputz.