Hamburg

Nicht wenige der vielen tausend Touristen, die in Rom Zeugen der Schüsse auf Papst Johannes Paul II. geworden waren, hielten für Stunden ein Vermögen in Händen. Doch kaum einer wußte damit umzugehen. So machten andere das große Geschäft mit den Photos vom Attentat; ehrliche Makler und zwielichtige Agenten, korrupte Polizisten und clevere Geistliche. Den Umsatz weltweit schätzt ein Kenner der Branche auf „über drei Millionen Mark“, die zahlreichen Nachdrucke in der Zukunft noch gar nicht gerechnet.

Viele von denen, die sich an jenem Mittwochnachmittag zur Audienz auf dem Petersplatz versammelt hatten, waren mit einer Kamera gekommen, die Chance war also groß, daß der verhängnisvolle Augenblick im Bild festgehalten würde. Und tatsächlich: Schmalfilm-, Video- und Photoaufnahmen von mindestens einem Dutzend verschiedener Standorte sind schon bekannt; weitere werden vermutlich noch auftauchen, wenn Amateure ihre Filme im heimischen Labor haben entwickeln lassen. Als Regel gilt, daß mit zeitlichem Abstand zum Ereignis die Qualität des angebotenen Materials zu-, sein Wert jedoch abnimmt. So sprunghaft die Preise steigen, so schnell fallen sie auch wieder.

Beim Papstanschlag überboten sich die internationalen Magazine gegenseitig, rivalisierten ihre Vertreter mit lauteren und mit unlauteren Mitteln. Deutsche Blätter, neben den US-Magazinen traditionell die zahlungskräftigsten, lieferten sich einen Wettlauf um den ersten Platz am Kiosk. Es gewann die Bunte vor Stern und Quick. Doch dem journalistischen Gerangel wird ein juristisches folgen. Denn wie bei fünfstelligen Summen nicht anders zu erwarten, hat so mancher Vermittler falsch gespielt, gibt es jetzt Streit um Copyright und Provision.

Gerade anderthalb Stunden lag der Papst auf dem Operationstisch, da funkte die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (ap) aktuelle Bilder von Täter und Opfer an Redaktionen in aller Welt. Angeboten hatte die Sequenz von neun Schwarzweißaufnahmen ein italienischer Photograph für umgerechnet rund 50 000 Mark. Ob er selbst sie gemacht oder von einem Touristen erhalten und als eigene ausgegeben hat, ist bis heute ungeklärt.

Kurz nach Mitternacht gab die Pressestelle des Vatikan das offizielle Photomaterial frei, aufgenommen von Arturo Mari, einem Photographen aus dem Dreierteam, das den Papst ständig begleitet. Ein Satz mit sechs Schwarzweiß- und zwei Farbabzügen war für jedermann zum bescheidenen Preis von 100 000 Lire (knapp über 200 Mark) zu haben. Eben dieses Material soll wenig später der Repräsentant der französischen Agentur Sygma, so will es ein Kollege beobachtet haben, an einen verspäteten Illustriertenmann für das Hundertfache weiterverkauft haben.

Das wichtigste Photo war jedoch erst am nächsten Tag erhältlich. Es stammt vom Film eines Pilgers, der sich die Rechte von einem ortsansässigen Nachrichtenhändler abschwatzen ließ, „für einen Appel und ein Ei“, wie ein deutscher Korrespondent erfahren haben will. Dieses Photo, das am linken Bildrand die Hand des Attentäters mit der Pistole zeigt, die aus der Menschenmenge heraus auf den Papst zielt, druckten alle drei großen deutschen Illustrierten – in der trügerischen Hoffnung, es allein zu haben.