Ein Film wird zum Millionen-Desaster / Von Georg Alexander

Scheinwerferstrahlen fingerten durch den Nachthimmel über Hollywood, vor dem berühmten Chinese Theatre war der rote Teppich ausgerollt, Fernsehteams standen Spalier, VIPs wurden über Lautsprecher angesagt, und während eine wackere Schar von Tierschützern gegen den Film protestierte, um den es ging, drängte sich das zahlende und das geladene Publikum champagnertrinkend vor dem Kino. Premieren wie diese erlebt die „Filmhauptstadt der Welt“ nur noch selten. Ein Debakel wie dieses hat sie vielleicht noch nie erlebt. Der Vorhang hob sich über einem (Un-)Ding, das als Totgeburt auf die Welt gekommen, angeblich ins Leben zurückgerufen worden war und sich nun doch als Kadaver entpuppte. Hollywood war zu einer Leichenfeier erster Ordnung angetreten.

„Glauben Sie, daß der Film 40 Millionen Dollar wert ist?“ wollte anschließend ein TV-Reporter von einer Besucherin wissen. Antwort: „Er ist jedenfalls keine fünf Dollar Eintritt wert.“ Produktion und Verleih, fast muß man sie dafür bewundern, tun noch immer so, als hätte der Kaiser die neuen Kleider doch an. Aber was in den Geschäftsbericht und die Geschichte Hollywoods eingehen wird, ist die nackte Wahrheit über die selbstmörderische Gigantomanie einer Industrie. Die Reaktion auf die Premiere und den unmittelbaren Start in über 800 Kinos in den USA war nur das Nachbeben eines Schocks, der die großen Studios und ihre Konzeption bis in die Grundfesten erschüttert hatte.

Ein Hollywood-Märchen. Es war einmal ein junger Mann aus New York. Der studierte Kunst und Architektur und Theater, und dann machte er Industriefilme und Reklamefilme. Schließlich schrieb er ein Drehbuch, aus dem ein sehr schöner Film wurde, der hieß „Silent Running“. Anschließend schrieb er das Drehbuch für „Magnum Force“, und seitdem hatte er eine Vorliebe für Pistolen und Gewalt. Er schrieb immer weiter und durfte nun auch Regie führen. Erst bei „Thunderbolt und Lightfoot“ (1974) und vier Jahre später bei „The Deer Hunter“.

Der wurde ganz berühmt und bekam viele Oscars und die Leute, die das Geld gegeben hatten, freuten sich sehr, denn sie kriegten furchtbar viel Geld wieder. Ein paar andere Leute freuten sich nicht so sehr, weil sie die Geschichte, die der Film erzählte und die Art, wie er sie erzählte, gar nicht mochten. Aber der junge Mann war mit sich und der Welt zufrieden, denn er hatte es weit gebracht. Nun bereitete er einen Western vor, aber keinen gewöhnlichen, sondern einen, der größer und schöner und aufregender werden sollte als alles, was es je gegeben hatte. Dazu brauchte er viele Millionen Dollars, und die Leute, die beim vorigen Mal soviel verdient hatten, gaben ihm all das Geld, weil sie diesmal noch mehr verdienen wollten. Der Film wurde und wurde nicht fertig, und die Leute mit dem Geld fingen langsam an, sich Sorgen zu machen. Aber weil alles so märchenhaft war, dachten sie doch, daß die Geschichte ein gutes Ende nehmen würde.

Aus einer zweiseitigen Anzeige vom August 1980: „Regisseur Michael Cimino erhellte Hollywood im vergangenen Jahr wie ein unerwarteter Komet... In seinem neuesten Film – Heaven’s Gate – führt Cimino einen, unermüdlichen Privatkrieg gegen schnelle Wege und einfache Lösungen. „Ich will niemals, daß Leute meinen, einen Film gesehen zu haben, daß sie etwas angeschaut haben, sondern vielmehr, daß sie irgendwo gewesen sind... Wir müssen die Kamera entfernen, das Bild auslöschen... Was wir tun wollen, wenn wir das Publikum auf seine Reise schicken, ist: alle Faktoren aus dem Weg zu räumen, die den Glauben, dabeizusein, gefährden... Beispiel: In – Heaven’s Gate – gibt es eine Sequenz mit 250 rollschuhlaufenden Emigranten. Es ist 1880. Und wir mußten eine Bahn aus dieser Zeit bauen und 250 Leute, Männer, Frauen, Kinder finden, richtig besetzt, die Rollschuh laufen konnten. Oder sie mußten es lernen. Jeder bekam eine Kassette mit der Musik, zu der er laufen sollte, und alle wurden für sechs Monate weggeschickt. Dann wurden sie zurückgeholt und einzeln, nach alten Photographien, entsprechend der Zeit eingekleidet... Wir haben alles, was wir konnten, getan, um die Sache richtig hinzukriegen. Was ist der Witz der Sache, wenn man es nicht richtig hinkriegt?“

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