ARD, Mittwoch, 27. Mai und 3. Juni 1981, jeweils 20.15 Uhr: „Der Schatz des Priamos“, zweiteiliger Film von Karl Fruchtmann, dazu Dienstag, 2. Juni: „Drehort Troja“, Bericht von Victoria von Flemming

Bis hin zur unvermeidlichen Bettszene (Heinrich Schliemann als berserkerhafter, aber erfolgloser Liebhaber seiner ersten Frau, die nichts, von ihm wissen will und der er „zwei Kinder mit Gewalt gemacht“ hat) ist alles da, was ein Fernsehspiel heute braucht. Dennoch ist das Zwei-Millionen-Projekt, „die wohl aufwendigste NDR-Produktion dieses Jahres“ (NDR-Zeitung für Mitarbeiter), langatmig und langweilig geraten. Schuld daran sind nicht nur die oft viel zu langen Passagen in fremden Sprachen (Schliemann als Sprachgenie), deren wichtigste Teile für Leute, die nicht Niederländisch, nicht Russisch, nicht Italienisch, nicht Neu- oder Altgriechisch, ja nicht einmal Türkisch verstehen, durch Untertitel übersetzt werden. Schuld daran ist vor allem, daß Karl Fruchtmann (Regisseur und Autor) zu viel voraussetzt. Um sein Spiel Verstehen zu können, muß man die Biographie und die Autobiographie Heinrich Schliemanns recht gut kennen. Andernfalls sind schon diese Bilderbogen-Folgen von (oft sehr schönen, manchmal karikierenden, aber ja nur nachempfundenen) Szenen nicht leicht richtig einzuordnen.

Die eigentliche Schwierigkeit erwächst dabei aus der Diskrepanz zwischen Schliemanns selbstverherrlichenden autobiographischen Äußerungen, die die Grundlage für den Film und die Gestalt Schliemanns bilden, und seiner Darstellung (durch Tilo Prückner) als eines höchst unsympathischen Zeitgenossen der Gründerjahre (Schliemann als egoistischer Ehrgeizling, Emporkömmling, Ausbeuter, rücksichtsloser Schatzgräber, eigentlich mehr als Zerstörer denn als Ausgräber Trojas).

Diese Diskrepanz ist gewollt, und dies zu Recht! Fruchtmanns Interesse an Schliemann (nicht an Archäologie!) entzündete sich an eben dieser Diskrepanz und dem „Helden“ und seinem von ihm selber geschaffenen Helden-Epos, das von der Wahrheit oft stark abweicht. Fruchtmann will richtigstellen, will den wirklichen Schliemann zeigen, der erst gegen Ende Seiner Karriere unter dem Einfluß Dörpfelds wissenschaftlich zu denken begann. Mehr noch: Fruchtmann will Schliemann als Prototypen jener ehrgeizigen Periode darstellen, ja, er will die ganzen Gründerjahre mit einfangen (Schliemann und seine ungeheure Energie, sein Erfolgsstreben, sein optimistischer Glaube, seine Tatsachen- und Zahlenbesessenheit, sein kolonialistisches Verhalten).

Dies alles aber wird nicht deutlich genug, nicht einmal als Intention, da Fruchtmann seine Absicht nicht in seinem Film, sondern nur in Interviews ausdrückt, die dem Fernsehzuschauer aber kaum bekannt sind. Und so erfährt der Zuschauer so gut wie nichts über diese Intention, zu wenig sogar über Schliemann (dessen große Leistung ja bleibt, als einziger gegen eine Phalanx von Stubengelehrten an die reale Existenz derhomerischen Welt geglaubt und sie bewiesen zu haben), viel zuwenig schließlich über den „Schatz des Priamos“ (obgleich der ganze lange Film so heißt).

Mehr über den Schatz, der (wie sogar die Troja-Grabungsstätte) zum Filmen sorgfältig nachgebildet wurde (die Nachbildung für 40 000 DM wird der NDR nach Berlin schenken, wie einst Schliemann das Original, das inzwischen verlorenging), bringt ein Film von Victoria von Flemming über Fruchtmanns Fernsehspiel und seine Entstehung, „Drehort Troja“. Ich fand dieses 40-Minuten-Stück aus der Werkstatt interessanter, informativer, kurzweiliger als den fast 200 Minuten laufenden Zweiteiler.

Gerhard Prause