ARD, Sonntag, 31. Mai: „Tatort: Das Zittern der Tenöre“, von Hansjörg Martin und Hans Dieter Schwarze

Dabei muß es nicht immer die Leiche sein, die ins Haus fällt: Zur Not tuts auch ein alter Koffer oben auf dem Speicher, der, plötzlich entdeckt, Geheimnisse preiszugeben verspricht, die, weils den Dorfhonoratioren von heute und kleinen Nazis von gestern (in Personalunion, wie sich versteht) so paßte, nicht ans Tageslicht kommen sollen – und aus gutem Grund: Die vom Juden übernommene Apotheke, das Hitler-Gedicht des Oberstudienrats, das Auftreten jenes Fähnlein-Führers, in dessen Kneipe bei vorgerückter Stimmung die alten Lieder gesungen werden, und fiommen Weisen aus verklärter Zeit: Leise, leise, im Kreis der alten Kameraden, soll das erwähnt werden, aber nicht in der Schule, im Stadtrat, in der Öffentlichkeit.

Große Dichtung ist nicht auf Ganoven und Gangster angewiesen: Präzise Handwerksarbeit – der Plot: sauber durchgeführt; die Geschichte: konsequent und dabei witzig erzählt; die Regie: intelligent in der Reduzierung eines Ödipus-Falls (vergangene Geheimnisse dringen in die Gegenwart ein) auf bundesrepublikanische Kleinstadt-Maße und überzeugend in der Herausarbeitung der ironischen Pointe des Ganzen: Vorspiegelung eines Gemeinwesens, in dem es, anders als im Globke-Deutschland, eine Schande ist, damals dabei gewesen zu sein ... Präzise Handwerksarbeit, wollte ich sagen, bedarf der Ganoven so wenig wie die große Kunst. Das richtige Drehbuch (Hansjörg Martin), die richtige Regie (Hans Dieter Schwarze), die richtigen Schauspieler – und schon gewinnt jene Rekonstruktion des Unerzählten, die Ansiedlung des Einst mitten im Jetzt ihren faszinierenden Reiz, die das Wesen der Detektivgeschichte ausmacht.

Es gilt hier, mitten in der Eile, nicht voreilig zu sein, sondern sich langsam umzublicken: Eben dies war meisterlich gemacht, in diesem „Tatort“ zweier Männer, die ihr Handwerk verstehen. Charakterstudien, mit dem Sinn fürs signifikante Detail entwickelt (wie einer singt, wie einer Klavier spielt, wie einer den Schal um den Kopf wickelt), die Atmosphäre, norddeutsche Kleinstadtwelt mit Beat- und Blasmusik und den Gesang der alten Kameraden vortrefflich gezeichnet – und das Ganze in Anführungszeichen gesetzt: Muster des Krimis (Hamburger Hafen-Milieu, knarrende Treppen im einsamen Gehöft, Speicherromantik und nächtliche Versteckspiele: A sieht B, C sieht B, und D sieht C) in amüsanter Weise parodiert.

Ein Gegen-Krimi (mit einem Toten allerdings, aber der war auch der einzig Überflüssige an diesem Film), dessen Reiz in der Travestie lag: Spaß und Spannung um ein kleines Nichts (am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf) in einem imaginären Land, wo es nicht ehrenwert ist, Nazi gewesen zu sein.

Im bequemen Sessel, unter der abendlichen Stehlampe, mit Tee und Tabak, persönlich gut gesichert und ruhevoll in gefährliche Dinge vertieft: Ja, so ließ er sich anschauen, der „Tatort“ von Martin und Schwarze. Im Geiste Ernst Blochs, dessen Essay „Die Form der Detektivgeschichte und die Philosophie“ das in dieser Rezension Kursivgedruckte entstammt.

Etwas ist nicht geheuer, damit fängt das an: Ein Satz, der für den „Tatort“ gilt – und für die Politik, von der Minuten vorher (die FDP und der Nachrüstungsbeschluß in der „Tagesschau“) die Rede war. Momos