Ihr Verhältnis zu den Medien sucht Ursula Schaar noch, die Grundschullehrerin aus Neukölln, mit 58 Jahren ältestes Mitglied der neunköpfigen Fraktion der Alternativen Liste (AL) im neugewählten Berliner Abgeordnetenhaus. Als sie vor ein paar Wochen am Wahlabend in der Sondersendung der ARD ihren ersten großen Fernsehauftritt hatte, wirkte sie so gutmütig naiv, daß man sich als Zuschauer besorgt fragte, wie die freundliche Dame sich denn wohl im Parlament durchfinden wolle.

Von ihren Wahlkampfgegnern aus CDU, SPD und FDP unterscheidet sie aber nicht nur mangelnde Eloquenz; den drei Spitzenkandidaten der anderen Parteien, Hans Jochen Vogel, Richard von Weizsäcker und Guido Brunner, gegen die sie im Wahlbezirk Neukölln antrat und 5,6 Prozent der Stimmen gewann, hat Ursula Schaar zum Beispiel den Vorzug voraus, in dem alten Arbeiterviertel geboren zu sein. Hier hat sie immer gewöhnt, hier unterrichtet sie zur Zeit ein erstes Schuljahr an einer Grundschule und ist Vorsitzende des Bezirks Verbandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Ihr Vater war Sozialdemokrat, SPD-Funktionär in Neukölln, der der Partei auch unter den Nazis die Treue hielt und dafür lange Zeit arbeitslos war, „geradeaus, querköpfig, nicht weiterdenkend“. Die Tante beherbergte damals eine kommunistische Widerstandszelle, und ihr Cousin war fünf Jahre im Zuchthaus.

Daß sie bei diesem familiären Hintergrund gleich nach dem Krieg in die SPD eintrat, war für Ursula Schaar keine Frage – auch nicht, daß sie gegen den strammen antikommunistischen Kurs, den besonders die Berliner SPD damals einschlug, Widerstand leistete. Zunächst, noch im Krieg, hatte die Arbeitertochter eine Buchhändlerlehre gemacht, danach kamen Arbeitsdienst und, nach Kriegsende, eine halbjährige Existenz als Trümmerfrau im ausgebombten Berlin. Weil sie dann „was Praktisches“ machen wollte, ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden.

Der SPD kehrte sie irgendwann in den sechziger Jahren den Rücken, wann genau, weiß sie nicht mehr, nur, daß sie sich damals furchtbar geärgert hatte, „daß ein alter Antifaschist, der auch Marxist war, ein Ausschlußverfahren bekam, weil er etwas Böses gegen die Kirche geschrieben hatte – das war die Zeit, als die SPD Volkspartei werden wollte“. Ihr Mann, Schulleiter in Neukölln und ehrenamtlicher Sekretär der Berliner Liga für Menschenrechte, blieb in der Partei; sie engagierte sich ein wenig im Republikanischen Klub, schrieb Gedichte gegen den Vietnam-Krieg, über die Ermordung Martin Luther Kings und Salvador Allendes. Vor allem durch ihren heute 26jährigen Sohn habe sie damals viel gelernt, sagt sie, als der anfing, auf Demonstrationen zu gehen und linke Literatur zu lesen. Die APO vermittelte ihr „das Gefühl, daß da das erste Mal nach dem Krieg die Demokratie wiedergeboren wurde“. Sie lernte da aber auch, „daß meine Generation andauernd dagegengepowert hat“, entwickelte sich so immer mehr weg von ihren Altersgenossen und lernte im Umgang mit ihrem Sohn und der heute 16jährigen Tochter, „daß man als Älterer nicht immer recht haben muß“. Daß sie heute in der AL mit ihrem beinahe pensionsreifen Alter eine Sonderstellung einnimmt, macht ihr keine Schwierigkeiten mehr: „Da bin ich inzwischen souverän.“

Ursula Schaar hat nichts von der kühlen Routiniertheit und der distanzierten Gewandheit, die so viele Frauen zeigen, wenn sie politische Karriere machen. Ihre mollige Mütterlichkeit strahlt sie auch aus, wenn sie von den ideologischen Grabenkämpfen in ihrer GEW erzählt, die schließlich zur Spaltung der Gewerkschaft in Berlin führten. Da habe sie gelernt, „die Taktierer zu riechen“. Da stritt sie mit Angehörigen der DDR-orientierten Sozialistischen Einheitspartei West-Berlins (SEW) und mußte einmal sogar mit ihrem Rücktritt drohen, um eine Resolution zugunsten des inhaftierten DDR-Regimekritikers Rudolf Bahro durchzusetzen.

Später dann, als sie den freigelassenen Bahro persönlich kennenlernte, war sie ein wenig enttäuscht von ihm, vor allem wegen „seiner taktiererischen Haltung zum Paragraphen 218, der meiner Ansicht ganz abgeschafft gehört“, ließ sich von dem „trotz allem sehr, mutigen Mann“ aber gleichwohl dazu animieren, wieder einer Partei beizutreten: den Grünen, für die sie Delegierte auf zwei Parteitagen war und deren Mitglied sie heute noch ist – wie viele andere AL-Mitglieder auch, denn 90 Prozent des immer noch bestehenden Berliner Landesverbandes der Grünen sind gleichzeitig in die AL eingetreten, um dort, unbelastet von konservativen Umweltschützern, eine „Mitte-links-Politik zu machen“ (Ursula Schaar).