Ein Nachbargestirn fliegt auf unser Sonnensystem zu

Wenn auf internationalen Astronomiekongressen die Spekulationen über Ursprung, Ausdehnung und Zukunft des Universums allzusehr ins Kraut schießen, dann tritt gelegentlich ein freundlicher älterer Herr ans Rednerpult und verweist auf näherliegende Aspekte: einmal auf die großen Lücken im Wissen über unsere unmittelbare Sonnenumgebung, zum andern auf den Stern mit der Katalognummer „BD 1/3474“.

Der nur 45 Lichtjahre entfernte Himmelskörper, schon vor Jahrzehnten entdeckt und dann vergessen, liegt unbeirrt auf Kollisionskurs mit unserer eigenen Sonne. Zwar wird diese Nachbarsonne mit dem Zweitnamen „Gliese 710“ erst in gut 500 000 Jahren hier sein. Aber gemessen an astronomischen Zeiträumen von Millionen und Milliarden Jahren ist das sehr wenig.

Der freundliche ältere Herr, der solche Einwände wagt, heißt Wilhelm Gliese. Er kommt vom Astronomischen Recheninstitut in Heidelberg. Gliese ist ein weltweit anerkannter Spezialist für die Sterne der Sonnenumgebung, hat hierzu schon zwei Standardkataloge veröffentlicht und bereitet den dritten gerade vor.

Dem Astrostatistiker Gliese geht es keineswegs um Sensationen, wenn er etwa auf den Stern BD 1/3474 aufmerksam macht: „Natürlich weiß niemand, ob er in 580 000 Jahren die Sonne wirklich trifft. Vielleicht geht er auch in relativ großer Entfernung am Sonnensystem vorbei, vielleicht aber auch in Jupiter-Entfernung, was eine enorme Beeinflussung unseres Sonnensystems bedeuten würde. Fest steht nur, daß da eine Sonne auf uns zukommt.“

Die Sonne, die da auf uns zukommt, ist auch ohne Kollisionsgefahr ein gutes Beispiel für ein besseres Verständnis von unserer Sonnenumgebung. Denn unter „Sonnenumgebung“ verstehen die Astronomen einen Raum von rund 70 Lichtjahren – das sind 660 Billionen Kilometer – um unsere eigene Sonne herum. Dieser „Sonnennahe“ Raum, der etwa dem 700. Teil des gesamten Milchstraßendurchmesser entspricht, dürfte rund 5000 Sonnen enthalten. Die allermeisten Nachbarsonnen zählen zu den sogenannten Roten Zwergen – wie eben der Stern BD 1/3474, der nur den halben Durchmesser unserer Sonne hat und viel weniger heiß ist, weshalb er auch rötlich leuchtet.

Einerseits kann Gliese das mangelhafte Interesse der Astronomen an der Sonnenumgebung verstehen. Denn dort gibt es keine kosmischen Monster wie die Roten Riesen, die Pulsare, Quasare oder Schwarzen Löcher. „Andererseits aber“, meint er, „kommen die Sterne, die wir dort beobachten, großenteils von weit her und gehen wieder in große Entfernungen von der Sonne. Sie repräsentieren somit Objekte aus einem wesentlich größeren Teil des galaktischen Systems. Die Beschäftigung mit ihnen bedeutet also mehr als nur das Kennenlernen unserer nächsten Nachbarsonnen.“