Von Heinz Blüthmann

Sie haben in vier Jahrzehnten aus dem Nichts einen Konzern aufgebaut, der zwanzigtausend Menschen beschäftigt und der – selten genug einen Markt weltweit beherrscht: die Polaroid Corporation. Aber nun, nach ersten krassen Mißerfolgen sind sich die beiden alten Herren an der Spitze nicht mehr einig, wie es weitergehen soll. Vom Ausgang ihres Machtkampfes hängt die Zukunft von Polaroid ab.

  • Der eine ist Edwin H. Land (72), genialer und hochdekorierter Wissenschaftler mit mehr als fünfhundert Patenten, Erfinder der Sofortbild-Photographie und Gründer von Polaroid. Er, beschäftigte sich schon vor dem zweiten Weltkrieg mit blendfreien Sonnenbrillen, die Polaroid heute noch herstellt, mit Scheinwerfergläsern und Windschutzscheiben. Doch erst Lands revolutionäre instant camera, die Bilder ohne Umweg über das Labor in Minutenschnelle selbst produzierte und die Polaroid von 1948 an herstellte, schuf die Basis für einen der größten Ein-Produkt-Unternehmenserfolge der Nachkriegszeit. Der bisherige Höhepunkt: 1978 verkaufte Polaroid weltweit über neun Millionen Sofortbild-Kameras.
  • Der andere ist William J. McCune. Eigentlich wollte er seine erste Stellung bei der General-Motors-Tochter Opel in Deutschland antreten, doch das verhinderte Hitlers Einmarsch in Polen. Statt dessen ging er 1939 zur Polaroid Corp., die gerade zwei Jahre zuvor von Land gegründet worden war. Er blieb bis heute. Die Sternstunde des immerhin auch schon 65 jährigen schlug aber erst im vergangenen Frühjahr: Nach einer Palastrevolution des Managements gegen den Firmengründer Land avancierte McCune zum obersten Polaroid-Chef. Land zog sich grollend auf den Posten des Chairman of Board – vergleichbar dem deutschen Aufsichtsratsvorsitzenden – zurück.

Land verzichtete freilich, so zeigt sich jetzt, nur auf einen Stuhl, nicht auf den wie selbstverständlichen Anspruch, sein Lebenswerk trotz Absatzeinbruchs und Gewinnverfalls gegen schnöde Geschäftsinteressen zu verteidigen. Und daß seine Auffassung vom Unternehmen „völlig gegensätzlich“ ist zu der normaler Kapitalisten, machte Land – gemünzt auf das neue Polaroid-Management unter dem alten Weggefährten McCune – erst vor wenigen Wochen klar: „Unser unverzichtbares Konzept war es – und meines ist es immer noch –, daß die Industrie tief sitzende menschliche Bedürfnisse aufspüren muß und dann Wissenschaft und Technologie dazu bringen muß, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Alle schon existierenden Märkte sind langweilig und lahm.“

Doch genau in solche „langweiligen und lahmen“ Märkte will McCune nun expandieren, weil er damit Polaroid das wiederzugeben hofft, was es in den vergangenen Jahren verlor: Wachstum und hohe Ertragskraft. In Abkehr vom bisherigen Kurs möchte er künftig das Industriegeschäft forcieren, beispielsweise mit Batterien, Chemikalien und sogar Werkzeugmaschinen. McCune: „Wir können, uns nicht mehr auf das Umsatzwachstum im Amateurphoto-Bereich verlassen. Wir müssen unsere Basis verbreitern.“

Dreißig Jahre lang – bis 1978 – hatte sich Lands Unternehmens-Philosophie basierend auf einem einzigen, immer wieder verbesserten Produkt in jährlich wachsenden Absatzzahlen und Gewinnen ausgezahlt. Allein in den fünf letzten guten Jahren bis 1978 vervierfachte sich der Netto-Gewinn auf 118,4 Millionen Dollar, der Umsatz kletterte von 0,8 auf 1,4 Milliarden Dollar.

Daß der sechsfach umsatzstärkere und größte Photo-Konzern der Welt, Eastman Kodak, 1976 auf den Plan trat und Polaroids Monopolstellung auf dem Sofortbild-Markt als erster – und bisher einziger – attackierte, hatte also nicht den von vielen vorhergesagten Gewinneinbruch gebracht, ganz im Gegenteil: Die alte Weisheit bestätigte sich, daß Konkurrenz das Geschäft belebt – jedenfalls eine gewisse Zeit lang.