Hamburg, im Juni

Die Verfassungsschützer, wiewohl sie gerade die Terroristen von rechts einigermaßen sicher im Griff haben, lernen immer noch dazu: erst, daß sich – wie im linken Gewaltspektrum – auch Frauen an Mordaktionen beteiligen (so beim Brandanschlag gegen ein Hamburger Ausländerwohnheim); jetzt, daß rechte Radikale „Volksschädlinge“ und „Verräter“ aus ihren eigenen Reihen liquidieren (so im Fall der brutalen Ermordung des 26 jährigen Homosexuellen Johannes Bügner vergangenen Himmelfahrtstag am Hamburger Stadtrand).

Bestätigt hat sich in beiden Fällen für die Staatsschützer indessen eine alte Erfahrung: Anders als die Attentäter der „Rote Armee-Fraktion“ packen die gefaßten Gewaltaktionisten von rechts sofort aus und geben detailliert alles bereitwillig zu, sei es aus Angst, sei es aus Stolz. Nur in einem Punkt werden die Verfolger auch weiterhin im dunkeln tappen: Wie ernst gemeint sind die Androhungen der meist bramarbasierenden Maulhelden bei ihren Alkoholtreffs, den Bundeskanzler aufzuhängen, eine Synagoge anzustecken oder einem der ihren „das Maul für immer zu stopfen“. Zu oft schon haben sich solche bierseligen Ankündigungen als bloße Angeberei erwiesen. Im Mordfall Bügner wurde dann aus der Erwägung blutiger Ernst.

Fünf Mann trafen sich in einer Hamburger Wohnung, darunter der aus Bocholt stammende, wegen versuchten Raubes verurteilte, aus der Haft entlassene Friedhelm Enk, der sich den übrigen Versprengten von der inzwischen zerschlagenen „Aktionsgemeinschaft Nationaler Sozialisten“ (ANS) als „Vizegauleiter“ des in Celle einsitzenden Ex-Bundeswehrleutnants Michael Kühnen präsentierte. Sie alle kannten die beiden „Internen Informationen“ und den Beschluß des „Nationalpolitischen Ermittlungsausschusses für kriminelle unpolitische Straftaten, Sexualverbrechen und Spitzeltätigkeit“, in denen davon die Rede war, „Beschuldigte“ wie Johannes Bügner „ein für alle Mal zu isolieren ohne das Mittel der Gewaltanwendung“, aber mit der unzweideutigen Maßgabe: „Andernfalls werden wir wissen, uns vor solchen Elementen zu schützen.“

Auch bei diesem vierstündigen Treff wurde viel getrunken und Marschmusik gespielt. Den sie „Oma“ nannten, der 28jährige Berufskriminelle Enk, entschied dann, daß „Knochen-Latte“ (Spitzname für Bügner) eine Lektion erteilt werden müßte. Sie holten ihn, zu dritt, in einem Schwulenlokal im Stadtteil St. Georg ab, luden ihn zu einer Spazierfahrt im Auto ein und fuhren mit ihm zur Feldmark Barsbüttel im Ortsteil Stemwarde in Stormarn. Dort schlug Enk sein Opfer erst nieder, zog dann sein Fahrtenmesser und stach wie besinnungslos auf ihn ein: Bügne* wurde siebenmal in die Brust und vierzehnmal in den Rücken getroffen. Zum Schluß schnitt der Mörder dem noch Röchelnden die Kehle durch. Als die anderen geholfen hatten, die Leiche in einen Graben zu schleifen, fuhren sie mit dem Wagen nach Hamburg zurück, warfen erst das Messer, in die Alster und tranken mit den beiden Zurückgebliebenen in der Wohnung weiter. Enk rühmte sich: „Jetzt ist in Hamburg endlich wieder etwas los.“

Sein Kompagnon Michael Frühauf dagegen bekam es bald mit der Angst zu tun, zog einen Rechtsanwalt zu Rate und meldete sich tags darauf bei der Polizei. Kurze Zeit später waren alle Beteiligten gefaßt und geständig. Die Kühnen-Truppe, die einmal, zur Bürgerschaftswahl antreten wollte und in Hamburg eine Zeitlang durch Auftritte in schwarzen Uniformen und Knobelbechern für einiges Aufsehen gesorgt hatte, gilt damit als endgültig zerschlagen.

Auch ihr letzter, kümmerlicher Rest steht unter genauer Beobachtung: Was von der ANS noch übrigblieb, hat sich in der seit 1979 aktiven Blankeneser „Wehrsportgruppe Denis“, mit Kindern und Jugendlichen, zusammengerottet, die gelegentlich Lagerfeuer und Geländespiele veranstalten und von denen angenommen wird, daß sie über den Fememord an dem abtrünnigen „Kameraden“ Bügner diskutiert und ihn gutgeheißen haben. Jedenfalls kursieren auch in ihren Reihen die von Kühnen inspirierten „Säuberungs“-Anweisungen.