Je mürber die eigene Identität, desto dringender das Verlangen nach Eindeutigkeit Je serviler die Abhängigkeit von der Mode, desto lauter der Ruf nach grundsätzlichen Überzeugungen. Je frenetischer die Spesenjägerei, desto heroischer das Ringen um Integrität Je schicker das Ambiente, desto inniger der Hang zum „Subversiven“. Je größer die Bestechlichkeit, desto ärger die Angst davor, „integriert“ zu werden. Je weicher der Brei, desto fester die Prinzipien, und je hilfloser das Gezappel, desto inständiger die Liebe zur Konsequenz.

Hans Magnus Enzensberger in der Zeitschrift „Trans-Atlantik“

„Paris–Moskau“, „Moskau–Paris“: Ausstellung à la Russe

Zum erstenmal öffentlich sehen können Sowjetbürger jetzt die Kunst der russischen Moderne, jene meist abstrakten Bilder und Skulpturen, die bisher teils in den Giftschränken und Kellern der Museen ruhten und zu einem anderen Teil mit der Vertreibung der Künstler nach der Oktoberrevolution 1917 ins westliche Ausland kamen. Die Ausstellung „Paris – Moskau 1900/1930“, eine vor zwei Jahren im Pariser Centre Pompidou gezeigte Darstellung der engen Verflechtungen französischer und russischer Kultur und eines der explosivsten und pathetischsten Kapitel der Kunst der Moderne überhaupt, ist jetzt unter dem Umkehrtitel „Moskau – Paris“ am Partnerort zu sehen. Ein Erlebnis für die Menschen, denen es gelingen wird, in das überfüllte Puschkin Museum hineinzugelangen, vielleicht auch einen der noch nicht fertigen Kataloge zu ergattern, die aber voraussichtlich bereits nach wenigen Tagen ausverkauft sein werden. Und ein Anti-Erlebnis für die französischen Mitorganisatoren. Schon in Paris hatten sie sich auf einen politischen Kuhhandel, mit den russischen Kommissaren einlassen müssen, der 1:0 gegen die Tatsachen der Kunstgeschichte ausging. In Moskau haben die Russen, entgegen den Verträgen, jetzt noch kräftiger manipuliert, haben einige Künstler ganz fortgelassen (wie Rodschenko), andere neu ausgewählt (wie Chagall) und den Katalog neu redigiert, wobei dann Daten und Fakten, die der Stromlinienform der eigenen Geschichte abträglich sind, unter den Tisch fielen.

Keine Gnade für Zahl

Heinrich Böll und der ehemalige Hamburger Justizsenator Ulrich Klug haben einen freien Tag gewonnen – den angebotenen Gang zum Düsseldorfer Ministerpräsidenten brauchen sie nicht anzutreten: Sie wollten Johannes Rau, SPD, in einem persönlichen Gespräch das Gnadengesuch vortragen und erläutern, das sie (mit einer Anzahl von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens) für den Schriftsteller Peter-Paul Zahl gestellt hatten. An „die Herren Rechtsanwälte Heinrich Hannover pp.“ kam von der „Gnadenstelle beim Landgericht Düsseldorf“, Geschäftsnummer 59 GNS 867/80 (5VRs 65/76) – ohne Kopie an Zahl – per 24. 4. 81 dieser Bescheid „In der Gnadensache Peter-Paul Zahl hat der Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen auf Ihr Gnadengesuch vom 18. 2. 81 folgende Entscheidung getroffen: Ein Gnadenerweis wird nicht gewährt. Diese Entschließung des Justizministers vom 20. 4. 81 wird Ihnen hiermit weisungsgemäß mitgeteilt. Hochachtungsvoll Reinke, Staatsanwalt als Gnadenbeauftragter.“ Punkt. Das wär’s. „Gnadenbeauftragter“ ist ein schönes Wort – und bei Filmdamen funktionieren die auch; Ingrid van Bergen, die immerhin einen Menschen erschoß (Zahl hat niemanden getötet) kann man schon mal bei „Feinkost Käfer“ Leckereien genießen sehen – vom weiland Euthanasie-Doktor Borm zu schweigen. Fünfzehn Jahre Freiheitsentzug: Da muß man lange suchen, welcher Naziverbrecher etwa sie wirklich abgesessen hätte. Zahl, dem gute Führung bescheinigt wird, und der über die Hälfte seiner fünfzehn Jahre hinter sich hat, bleibt eingesperrt. II y a des juges à Düsseldorf.