Pfullendorf

Die Besetzung begann pünktlich. Sie war angemeldet und genehmigt. Für eine Stunde gehörte die malerische, verwinkelte Altstadt mit ihren hochgiebeligen Fachwerkhäusern und den engen Straßen den Fremden. Die Einwohner waren gewichen. Die Autos hatte man in Sicherheit gebracht. Rolläden und Ladengitter waren heruntergelassen. Die Geschäfte hatten eine Stunde früher als üblich geschlossen, die Gaststätten öffneten nicht. Eine Drogerie schützte ihre Auslagen nach Zürcher Muster: mit Spanplatten. Kinder waren auf der Straße nicht zu sehen. Die Pfullendorfer standen hinter Gardinen: Demonstranten sind in der Stadt.

Das idyllische Pfullendorf, zwischen Bodensee und Donau, umgeben von viel Landschaft, reich an Erinnerungen an die Vergangenheit als freie Reichsstadt und seit über 20 Jahren Militärstandort, erlebte die erste Demonstration seiner Geschichte. Grüne, Jungsozialisten und verschiedene konfessionelle Friedensgruppen protestierten gegen die Nachrüstungspläne der Nato und speziell gegen die Lagerung von Atomwaffen der US-Armee in einem Wald nahe Pfullendorf.

Eine Zeitungsnotiz, die im März über diese Absicht informierte, löste in der Gemeinde eine Lawine von Gerüchten und aufgeregte Aktivitäten aus. Unerwünschtes, das zudem ungewohnt ist, hat in Pfullendorf nicht stattzufinden. Eine Jungsozialistin, die die Demonstration bei der Stadtverwaltung anmelden wollte, bekam dies als erste zu spüren: Der 61jährige Jurist Ruck, seit 1956 Stadtoberhaupt, setzte sie vor die Tür. An grundlegende Verfassungsrechte erinnert, entschuldigte sich der Rausschmeißer bei der zweiten Delegation, die sicherheitshalber auf drei Mitglieder erhöht worden war.

Damit waren die Schwierigkeiten für die Veranstalter längst nicht beendet. Plakate verschwanden ebenso schnell wie sie geklebt wurden. Bürger empfahlen, die Demonstration doch in Moskau abzuhalten. Der SPD-Ortsvereinvorsitzende persönlich sorgte dafür, daß den Junggenossen kein Nebenzimmer in Gaststätten zur Verfügung stand. Wenn es um Pfullendorf geht, kennt man keine Parteigrenzen.

Derweil sich die Veranstalter beim Flugblattverteilen aus Wirtshäusern werfen ließen, blühten in der fast 10 000 Einwohner großen Stadt die üppigsten Gerüchte. „Die tüchtige Bürgerschaft“ (so ein Gemeindeprospekt) sah bereits Sonderzüge mit geschulten Chaoten aus allen Richtungen anrollen. Und für die lange Anreise in die Provinz sprachen die Gerüchte jedem Teilnehmer 60 Mark Spesen zu. Der Gedanke an die Wiederbelebung der Bürgerwehr wurde so nachdrücklich und laut gedacht, daß man von offizieller Seite laut zurückdachte: Notfalls werde man auch die Demonstranten vor den Bürgern schützen.

Unsicherheit und Angst waren gepaart mit Wut und Empörung. Bürgermeister Ruck sah mit vielen anderen den Ruf seiner Gemeinde in Gefahr: „Wir sind eine ehemalige Reichsstadt und alles Extreme ist uns zuwider. Man schämt sich, daß so etwas bei uns stattfindet.“